Politik : Der Thierse-Beweis (Glosse)

Bernd Matthies

Wir sind ja so bescheiden geworden. Was können wir von den höchsten staatlichen Würdenträgern schon noch erwarten? Ein paar Sekundärtugenden vielleicht, aber nicht zu viel, um den geschmeidigen Lauf der Exekutive ja nicht durch übertriebene Prinzipienreiterei zu gefährden. Für diese pragmatische Haltung gibt es den bekannten Satz, man könne nun einmal nicht ständig mit dem Grundgesetz unter dem Arm herumlaufen. Wie denn auch? Wollten wir unseren Politikern, schmächtigen Aktenverwaltern zumeist, zumuten, dass sie unentwegt einen so fetten Wälzer schleppen - nur, um jederzeit das eigene Verhalten durch einen gewichtigen Verfassungsartikel legitimieren zu können?

Dummerweise hat jetzt Wolfgang Thierse, Bundestagspräsident immerhin, diese populäre Vorstellung durch eine Geste zunichte gemacht. Als er kürzlich in Berlin vor die Presse trat, um das Urteil über die CDU-Finanzen zu verkünden, hielt er ein kleines Büchlein in die Höhe, 278 Seiten, fünf mal sieben Zentimeter, 50 Gramm schwer, viel leichter als das kleinste Handy. Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland.

Diese Geste bewies: Es geht eben doch. Jeder, wirklich jeder, kann mit dem Grundgesetz unter dem Arm herumlaufen und es im Konfliktfall blitzschnell aufschlagen, Artikel für Artikel. Die Fans dieses Textes haben die Botschaft verstanden. Sie sind in die Buchläden gegangen und haben in fünf Tagen 600 Stück von diesem schwarz-rot-goldenen Ding da auf dem Thierse-Foto bestellt. Wir können nur hoffen, dass sie es nicht für die Bibel gehalten haben: Deren Ansprüchen werden unsere Politiker zurzeit beim besten Willen nicht gerecht.

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