Politik : Der Tod kam am Morgen

Beim schwersten Attentat in Kabul seit 2001 sterben 40 Menschen / Vorwürfe an Pakistans Geheimdienst

Ruth Ciesinger

Berlin - Wie fast jeden Morgen standen am Montag Dutzende Menschen vor der indischen Botschaft in Kabul. Doch der Wunsch nach einem Visum bedeutete an diesem Vormittag für viele von ihnen den Tod. Um 8 Uhr 30 raste ein mit Sprengstoff beladener Wagen in das Tor der Botschaft, die Explosion ließ Mauern einstürzen und noch Hunderte Meter weiter Fensterscheiben splittern. Mindestens 40 Menschen starben, 141 wurden verletzt, meldete Afghanistans Gesundheitsministerium. Unter den Toten sind laut der indischen Nachrichtenagentur PTI vier Inder, darunter der Militärattache der Botschaft sowie ein politischer Berater.

Im September bereits waren bei einem Anschlag auf einen Armeebus in Kabul dreißig Menschen gestorben, die Attacke vom Montag aber ist die schwerste in Afghanistans Hauptstadt seit dem Sturz der Taliban 2001. Ob letztere hinter der neuen Tat stecken, war erst einmal unklar, Kabuls Innenministerium sieht jedoch ohnehin noch einen anderen Schuldigen: „einen Geheimdienst in der Region“, sprich Pakistans Geheimdienst ISI.

Der Frust in Kabul gegenüber Islamabad gärt schon länger. Weil die Sicherheitslage schlecht ist, Taliban sich über die Grenze nach Pakistan zurückziehen, und die Kooperation gegen Terroristen und Extremisten nicht funktioniert. Ende Juni beschuldigte Afghanistans Geheimdienst den ISI sogar öffentlich, das – gescheiterte – Attentat auf Präsident Hamid Karsai im April geplant zu haben. Pakistan wiederum ist Indiens Engagement in Afghanistan und das gute Verhältnis zwischen beiden Staaten ein Gräuel. Islamabad fürchtet, in die Zange genommen zu werden.

Die Inder wussten, dass in Kabul in dieser Woche ein Attentat drohte. Deshalb waren in den vergangenen Tagen Schutzmauern und andere Sicherheitsvorkehrungen der Botschaft verstärkt worden. Wer aber dahinter stecke, sei unklar, sagt die Pakistan- und Afghanistanexpertin Radha Kumar aus Neu Delhi, zudem seien derartige Beschuldigungen in Richtung Pakistan „kontraproduktiv“. Ihrer Ansicht nach sind verschiedene aufständische Gruppen in Afghanistan inzwischen so stark, dass sie „für solche Anschläge auch gar keine äußere Unterstützung brauchen“.

Indiens Außenminister kündigte noch am Montag an, der Anschlag werde das Engagement in Afghanistan nicht beeinträchtigen. Bisher hat Indien besonders in Infrastrukturprojekte investiert, seit kurzem unterstützt Neu Delhi zum Beispiel auch die Ausbildung von Sicherheitskräften. „Das wird weitergehen“, sagt Radha Kumar. Indien habe großes Interesse an einer guten Beziehung zu Afghanistan. Auch, weil dort zu Zeiten des Kampfes gegen die sowjetischen Truppen und während der Talibanherrschaft Dschihaddisten für den Kampf gegen Indien in Kaschmir einen Rückzugsort gefunden hatten.

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