Politik : Der Tod regiert mit

Kolumbiens Guerilla zeigt auf brutale Weise, was auf den neuen Präsidenten Uribe zukommt: noch mehr Terror

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Von Armin Lehmann

Als das junge Mädchen im Präsidentenpalast begann, auf der Violine Vivaldi zu intonieren, heulten vor dem Gebäude die Sicherheitssirenen, fuhren Polizei- und Krankenwagen mit Blaulicht hektisch durch die Straßen von Bogotá. Die Menschen draußen waren bereits panisch in alle Himmelsrichtungen geflohen, zurück blieben Leichen, zerfetzte Kinderkörper. Ein Horrorbild, in Blut getränkt. Mindestens 15 Tote waren zu beklagen, rund 70 Verletzte. Die linke Guerilla Kolumbiens, eine kriminelle Drogen-Mafia, hat wahr gemacht, was ohnehin alle befürchtet hatten: die Vereidigung des neuen Präsidenten Alvaro Uribe mit Mord und Bomben zu begleiten. Aus Furcht vor Anschlägen hatte der kürzlich mit großer Mehrheit gewählte Uribe die traditionell vor dem Palast abgehaltene Amtseinführung ins Parlament verlegt.

Der Luftraum über Bogotá war gesperrt worden, Hubschrauber kreisten um die Hauptstadt, mehr als 22 000 Polizisten sollten die Zeremonie sichern. Es sollte alles nichts helfen. „Die Guerilla ist ohne Logik“, sagte ein langjähriger, völlig deprimierter hoher Militär, als er sah, was die Farc angerichtet hatte. Die Guerilla zeigte sich bestens organisiert und bis an die Zähne bewaffnet: Mit Bomben und Granaten wurde der Palast angegriffen, einige Granaten trafen ein benachbartes Armenviertel, wo 14 Menschen, darunter Kinder, getötet wurden. Völlig panisch reagierten die Bewohner. „Wir haben den Tod gesehen, es ist eine Tragödie“, riefen entsetzte Bürger Reportern beim Weglaufen zu. Wenige Stunden zuvor hatten sich 12 Terroristen auf dem Weg in die Hauptstadt selbst in die Luft gesprengt, weil ihre Bombe zu früh explodierte.

Im Palast erinnerte Uribe mit versteinerter Mine daran, wie sein Vater 1983 von der Guerilla ermordet wurde. Seine Frau und seine beiden erwachsenen Söhne wirkten an seiner Seite nervös und ängstlich. Uribe hat allein im Wahlkampf drei Attentate überlebt und will nun seinem Land den Frieden bringen, den es sich seit 38 Jahren ersehnt. Der abgewählte Präsident Andrés Pastrana hatte vier Jahre lang vergeblich den Dialog mit der Guerilla gesucht, die mit den verfeindeten rechten Paramilitärs weite Teile des Landes kontrollieren.

„Wir bieten Demokratie an, damit Argumente die Waffen ersetzen“, rief Uribe den anwesenden Gästen entschlossen zu und kündigte an, eine Volksabstimmung durchzuführen über die Entsendung möglicher Guerilla-Vertreter ins Parlament. Ähnliches hatte Vorgänger Pastrana bereits zur Integration versucht, was stets von der Guerilla abgelehnt worden war.

Die Farc und die kleinere Guerilla ELN (siehe Kasten) geben vor, soziale Ziele zu verfolgen. Gleichzeitig haben sie ein kriminelles Drogenkartell aufgebaut, das bis nach Venezuela reicht. Mit Entführung, Erpressung und der Ausbeutung vieler Bauern verdient die Guerilla Geld und vermehrt so ihren Einfluss. Aus Angst, ermordet zu werden, legten kürzlich 100 Bürgermeister ihr Amt nieder.

Europa und die UN schauen dem Krieg bisher tatenlos zu. Einzig die USA, dafür von Menschenrechtsorganisationen gescholten, helfen der Regierung in Bogotá mit Geld und Militär. Die USA haben Angst, dass sich der Terror ausbreiten könnte und haben zwei von ihnen organisierte militärische Spezialeinheiten im kolumbianischen Dschungel. Präsident Uribe hat bereits UN-Generalsekretär Kofi Annan eingeladen – Beobachter werten dies als Hilferuf, weil der Konflikt für Kolumbien allein nicht zu lösen ist.

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