Politik : Der Top-Terrorist des Mittelalters

Martin Gehlen

Osama bin Laden hatte einen Vorgänger. Er lebte vor 900 Jahren und hieß Hasan-i Sabbah - der islamische Top-Terrorist des Mittelalters. Niemand war vor ihm sicher, kein Kalif, kein Wesir, kein General und kein Fürst - egal wie stark die Leibgarde war. Hasan-i Sabbah war Chef der Assassinen, Angehörige der schiitischen Sekte der Ismailiten, die knapp zweihundert Jahre lang die Herrscher des Orients durch spektakuläre Mordaktionen in Atem hielten. Das Vorgehen war immer gleich. Die Täter schlichen sich als Arbeitskräfte an den Höfen ein, lebten dort jahrelang unerkannt und versuchten, das Vertrauen des Herrschers und seiner Familie zu gewinnen. Eines Tages auf Befehl der entfernten Zentrale schlugen diese vormodernen "Schläfer" dann zu. Mit dem Dolch erstachen sie ihre prominenten Opfer. Das garantierte den Erfolg, schloss ein Entkommen des Täters praktisch aus. Die Assassinen strebten bewusst den eigenen Märtyrertod an, weil er ihnen das Paradies sichern sollte.

Gesteuert wurden sie von der Burg Alamut aus, die in der Nähe der westiranischen Stadt Quazin liegt. Dort residierten Hasan-i Sabbah und seine Nachfolger von 1090 bis 1265. Von dort schickten sie ihre Todesboten aus und planten die Terroraktionen. Ähnlich unzugänglich wie der afghanische Tunnelkomplex Tora Bora von Osama bin Laden, lag die Assassinen-Festung auf einem schmalen Felsgrat im Elburz-Gebirge - vor allen Feinden sehr gut geschützt. Bis heute ist der Ort nur sehr beschwerlich mit geländegängigem Fahrzeug und ortskundigem Führer zu erreichen. Erst die Mongolen machten 1265 dem mörderischen Treiben der Burgherren ein Ende.

Christliche und muslimische Zeitgenossen empfanden nicht so sehr die politischen Morde der Assassinen als ungewöhnlich, sondern die außerordentliche Opferbereitschaft der Täter. Diese nahmen ihren Tod bewusst in Kauf, selbst wenn der Auftrag misslang - wie das Attentat auf den berühmten Bezwinger der Kreuzfahrer, Saladin. Einer seiner Berater erkannte den Täter, wurde selbst erstochen. Saladin blieb bei dem anschließenden Handgemenge unverletzt. Seitdem schlief der damals mächtigste Mann des Orients zeitlebens in einem speziell konstruierten hölzernen Turm und verbot jedem, den er nicht persönlich kannte, sich ihm zu nähern.

Andere ismailitische Agenten wurden rechtzeitig verhaftet, unter ihnen die Erzieher der Kinder des Kalifen. Einige hatten noch Geld bei sich, das Hasan-i Sabbah ihnen geschickt hatte. Wie ernst die orientalischen Herrscher die terroristische Bedrohnung nahmen, zeigt das Beispiel Ägypten. Dessen Geheimdienst wurde schließlich so ausgebaut, dass er nach Aussage von Chronisten am Ende in der Lage war, die Bewegungen jedes Assassinen, sobald er die 1500 Kilometer von Kairo entfernte Burg Alamut verließ, lückenlos zu überwachen.

Im Grunde haben sich die Polizeistrategien bis heute nicht wesentlich verändert. Mit Rasterfahndung sucht der CIA nach so genannten Schläfern der Al Qaida, die als normale Mitglieder der Gesellschaft, Studenten, Familienväter, Berufstätige auf ihren Einsatz warten. Jedes Bin-Laden-Video wird auf geheime Befehle durchgeforstet, die - wie einst die verschlüsselten Signale aus Alamut - noch unerkannte Schläfer aktivieren könnten.

Wie berechtigt diese Vorkehrungen sind, belegt das Buch von Bernard Lewis, welches diese moderne Form des Terrors in eine historische Perspektive stellt und dabei dem Leser frappierende Parallelen erschließt. Lewis ist einer der profiliertesten Kenner der islamischen Geschichte und zeichnet in seinem jetzt wiederaufgelegten Standardwerk in souveräner Weise das Denken, Handeln sowie die Motive dieser an allen orientalischen Könighöfen und Gelehrtenschulen gefürchteten Attentäter nach. Die Assassinen waren die erste islamische Gruppierung, die geplant, langfristig und systematisch den Terror als Waffe einsetzte. Bis heute hat sich das Wort Assassin - durch die Kreuzfahrer mitgebracht - in fast allen west- und südeuropäischen Sprachen als Bezeichnung für einen heimtückischen oder professioneller Mörder erhalten.

Anders als den Selbstmordattentätern der Palästinenser oder der libanesischen Hisbollah, ging es diesen Terroristen nicht um den Kampf gegen eine konkrete Besatzungsmacht. Sie und ihre meist hochgebildeten Anführer verfolgten vielmehr langfristige, strategische religiöse Ziele. Sie wollten die Verderbtheit des Islam ausrotten und durch Morde an seinen offiziellen Repräsentanten einen Gottesstaat herbeizwingen. Unter dem Strich jedoch, schreibt Lewis, stand nicht der Erfolg, sondern das totale Scheitern. "Die Assassinen haben die bestehende Ordnung nicht umstürzen, sie haben nicht eine einzige Stadt von nennenswerter Größe halten können. Ihre Anhängerschaft bestand am Ende aus kleinen, friedlichen Gemeinden von Bauern un Händlern und bildet heute eine minoritäre Sekte unter vielen anderen."

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