Der Triumph von Angela Merkel : Dem Himmel so nah

Überlebensgroß! Einen Sieg von Angela Merkel hatten alle erwartet. Aber nicht, dass er haushoch sein würde. Genau deshalb könnte er auch einige Nebenwirkungen haben.

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Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist klare Wahlgewinnerin.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist klare Wahlgewinnerin.Foto: dpa

Der Mann im grau-legeren Anzug steht ganz still an der Seite. Dabei tobt um ihn herum im Foyer des Konrad-Adenauer-Hauses ein Beifallssturm wie seit Menschengedenken nicht mehr. Die Jugend vom CDU-Wahlkampfteam hüpft in ihren orangefarbenen T-Shirts frenetisch auf und nieder, Thomas de Maizière fällt seiner Tochter um den Hals. Oben auf der Bühne haben sie sich alle versammelt: Volker Kauder, Hermann Gröhe, Gerda Hasselfeldt, die drei Vizevorsitzenden. Kauder und Gröhe recken immer wieder Daumen in die Luft, Ursula von der Leyen strahlt quasi gleichzeitig nach oben und unten und rechts und links. Die Frau in der Mitte lächelt. Dann formt Angela Merkel wie zufällig die Hände zur Raute. Die Hüpfjugend weiß sich gar nicht mehr zu fassen. Der Mann im grau-legeren Anzug steht immer noch still an der Seite. Aber Joachim Sauer strahlt sozusagen von innen.

Die Kanzlerin wird ihren Mann später in ihren Dank einschließen: „Der muss auch manches ertragen.“ Wenn nichts sonst die Sensation anzeigen würde – dass der Professor Sauer aus seiner selbst gewählten Unsichtbarkeit heraus getreten ist, wäre Signal genug. Dabei haben sie es ja alle selbst nicht geglaubt, bis zuletzt. Seit halb sechs hat Merkel im fünften Stock des Adenauer-Hauses mit Vertrauten und politischen Weggefährten beisammen gesessen. Ganz still und sehr konzentriert ist es da zugegangen. Die ersten Umfragedaten, die wie üblich am späten Nachmittag in den Parteizentralen eintrafen, deuteten auf Sieg. Aber sie deuteten nicht auf Triumph. Sie deuteten erst recht nicht darauf hin, dass es viel zu viel Triumph werden könnte.

Jubel und Entsetzen
Der Morgen nach dem Wahltag in Berlin: Mit wem verhandelt Angela Merkel? Es bleibt weiterhin spannend.Weitere Bilder anzeigen
1 von 58Foto: AFP
23.09.2013 15:07Der Morgen nach dem Wahltag in Berlin: Mit wem verhandelt Angela Merkel? Es bleibt weiterhin spannend.

Punkt 18 Uhr: In der CDU-Zentrale bricht ein Inferno los

Um Punkt 18 Uhr steigt der schwarze Balken auf den Fernsehschirmen höher und höher. Erst bei 42 Prozent macht er Halt. In der CDU-Zentrale bricht das zweite Inferno los. Das erste war eine Art Generalprobe, als nämlich kurz vor Schließung der Wahllokale auf den ringsum aufgehängten Fernsehschirmen der ZDF-Reporter zu sehen war, der auf die Frage antworten sollte, wie denn bei den Christdemokraten so die Stimmung sei. Der Mann hatte dann ein paar Probleme, den Lärm in seinem Rücken zu übertönen. Jetzt aber brüllen die Hüpfjungen „Angie, Angie“, wie sie es in den vergangenen Wochen und auch auf den Marktplätzen und in den Hallen noch nie getan haben. „Das haben wir seit 20 Jahren nicht mehr gehabt“, ruft von der Leyen in eine Kamera. „Das ist einfach überwältigend! Fantastisch! Unglaublich!“ Unter Merkels Stellvertretern ist die Niedersächsin heute Abend hauptamtlich für Enthusiasmus zuständig. Immerhin, einen Satz hat sie für andere übrig: „Wir hoffen, dass die FDP es noch schafft.“

Dieser Wahlkampf stellte Angela Merkel in den Mittelpunkt und sonst nichts

Dabei hat die Sozialministerin ja recht, es ist wirklich unglaublich. Die Geschichte der Angela Merkel in der CDU war bis zu diesem Tag eine Geschichte der Siege mit Hängen und Würgen. Es ist noch nicht lange her, da taugte der vorwurfsvoll vorgetragene Satz „Die Union sollte in Deutschland schon 40 Prozent plus x erreichen können“ ganz prima als verdeckte Attacke auf eine CDU-Vorsitzende, unter der ihre Partei Landtag um Landtag verlor und es im Bund stets bloß auf Werte im 30er Mittelfeld brachte.
Ganz heimlich hat der Satz noch über ihrem Wahlkampf geschwebt, obwohl die einschlägigen Herren, die Roland Koch und Christian Wulff, die Friedrich Merz und Stefan Mappus bereits länger im Geschichtsbuch stehen. Dieser Wahlkampf stellte Merkel in den Mittelpunkt und sonst nichts und niemanden. Damit lud er ihr aber zugleich alle Verantwortung auf und alles Risiko. Das Ergebnis würde ihr Ergebnis sein, der Realitätstest für einen Mythos, der es in diesem Monat sogar auf den Titel des legendären „Time“-Magazin gebracht hat: „The Merkel Enigma“ überschrieb das Blatt seine Titelgeschichte, das Rätsel Angela.

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