Politik : Der Tunnel in die Freiheit: 123 Meter nach draußen

Helmut Trotnow

Die Ereignisse um den Mauerbau am 13. August 1961 sind weitgehend erforscht. Doch die Aktivitäten der jungen Menschen, die damals spontan und heftig gegen die Eingrenzung ihres Lebensraumes protestierten, sind immer noch von einem Nebel aus Legenden und Gerüchten umgeben. Bis zur gewaltsamen Teilung der Stadt hatte es für sie nur ein geographisches, nicht aber ein politisches Berlin-West oder -Ost gegeben. Plötzlich durften sie sich nicht mehr frei in der Stadt bewegen.

Der Weg vom Protest zur Flucht war kurz. Nicht wenige Fluchtversuche aber endeten wie die von Peter Fechter mit einer tödlichen Tragödie. Jetzt endlich erfahren wir etwas über das wohl spektakulärste und erfolgreichste Fluchtunternehmen: Am 14. September 1962 gelang zahlreichen Menschen die Flucht durch einen Tunnel, der unterhalb der Grenzanlagen zwischen der Bernauer Straße im Westen und der Schönholzer Straße im Osten verlief. Der amerikanische Fernsehsender NBC hat dieses Fluchtprojekt im Film festgehalten - ein einmaliges historisches Dokument.

In Deutschland und speziell in Berlin jedoch haftete diesem Ereignis immer ein fader Beigeschmack an. Wie hatte es gelingen können, so fragten sich viele, einen 123 Meter langen Tunnel zu bauen, ohne dass die Geheimdienste der Alliierten oder die Berliner Polizei davon Wind bekamen? Wieso hat die Stasi diese Tunnelflucht nicht verhindern können, was ihr doch in so vielen Fällen gelang? Ellen Sesta, die als Kurier in dem Projekt eingesetzt war und 1963 einen der beiden Ideengeber des Unternehmens heiratete, hat jetzt diese bewegende Geschichte aufgeschrieben.

Ein Tag hat alles verändert

Ihr Vorhaben dürfte durch die Arbeit des Journalisten Henry Köhler gefördert worden sein, der im Auftrag von Spiegel-TV eine Dokumentation erarbeitete und dabei im vergangenen Jahr einen Teil des Tunnels freilegen konnte. Als Frau Sesta davor stand, wurde ihr erstmals das ganze Ausmaß des damals Erlebten bewusst. "Ein einziger Tag nur", resümiert sie im Buch, "kann alles verändern". Ihr Mann, der ebenfalls die Tunnelöffnung miterlebte, war von dem Anblick geradezu schockiert. "Mein Gott", flüsterte er seiner Frau zu, "viereinhalb Monate meines Lebens habe ich praktisch hier unten verbracht". Es wäre unfair, die Geschichte nachzuerzählen. Dem Leser sei direkte Lektüre empfohlen: Sie ist nicht nur sehr spannend, sondern auch menschlich berührend.

Der Bernauer Fluchttunnel war wirklich einzigartig. Kommerz, wie er später in der Fluchthilfe vielfach üblich wurde, spielte keine Rolle. Am Bau des Tunnels hatten sich vor allem Studenten beteiligt, viele von ihnen kamen aus dem Ostteil der Stadt. Gerade diese hatten die Brutalität des kommunistischen Regimes bereits vor der Grenzziehung am eigenen Leib erlebt. Sie engagierten sich, um Verwandte oder Freunde in die Freiheit zu bringen. Die Initiative zur Flucht war dabei von den Menschen im Osten und nicht, wie später die DDR-Propaganda behauptete, vom Westen ausgegangen. Die Ideengeber zu dem ganzen Unternehmen waren jedoch zwei junge Italiener, die in Berlin studierten. Einer von ihnen hatte einen deutschen Kommilitonen kennen gelernt, der mit seiner jungen Familie in Ost-Berlin wohnte. Im Laufe der Zeit war eine enge Freundschaft entstanden, die nach der Grenzziehung bestehen blieb. Als ausländische Staatsbürger durften die Italiener Ost-Berlin besuchen.

Disziplin und Einfallsreichtum

Zunächst hatte der deutsche Freund die Teilung nur für eine temporäre Maßnahmen gehalten. Je mehr die Mauer Wirklichkeit wurde, desto mehr verzweifelte er und bedrängte die Freunde, ihn und seine Familie raus zu holen. Die Art und Weise, wie die beiden Italiener und der sie umgebende kleine Führungskreis die Tunnelflucht vorbereiteten und durchführten, ist unglaublich. Unbedingtes Engangement, hohe Verantwortung und strikte Disziplin waren notwendig. Das Entscheidende dürfte jedoch der enorme Einfallsreichtum gewesen sein, wenn es darum ging, momentane Schwierigkeiten zu überwinden.

Ohne die Zusammenarbeit mit der NBC wäre das Projekt allein aus Geldmangel gestorben. Das Heft des Handeln gaben sie nie aus der Hand. Dies machte es der Stasi auch unmöglich, das Projekt zu verhindern. Versucht hat sie es. Umso überraschender, ja geradezu traurig ist das Ende der Geschichte. Statt einer ausgelassenen Feier blieb der Kontakt zwischen Flüchtlingen und Fluchthelfern distanziert. Ein gemeinsames Treffen hat es nie gegeben. Nach dem Bericht von Ellen Sesta machten die Flüchtlinge einen desorientierten Eindruck. "Wahrscheinlich wurde auch manchem von ihnen bewusst, dass sie einfach alles, was sie besaßen, zurückgelassen hatten."

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