Politik : Der Umgang mit der Rinderseuche folgt dem Motto BSE - blame someone else (Kommentar)

Alexander S. Kekulé

Den Matador gab diesmal Frankreich. Nach dem Lanzenstich - die Rinderseuche BSE ist grundsätzlich auf den Menschen übertragbar - schmerzt jeder neue Verdachtsfall wie eine Banderilla im Nacken. Ende September setzte die französische Lebensmittelbehörde mit einem 600 Seiten starken Gutachten zum tödlichen Stoß gegen das englische Rindvieh an: Eine hochkarätige Expertengruppe kam zu dem Ergebnis, dass die bisherigen Maßnahmen bei weitem nicht ausreichen, um die BSE-Infektionsgefahr zu bannen. Die Briten nahmen den Angreifer wutschnaubend an, entfernten französische Lebensmittel aus den Supermarkt-Regalen.

Am vergangenen Freitag sprachen die Kampfrichter aus Brüssel ein Machtwort. Vor den Augen des staunenden Publikums zogen sie das weiße Taschentuch: Die Bedenken der französischen Fachleute seien unbegründet. Die überraschende Begnadigung des British beef ist jedoch kein Grund, beruhigt aufzuatmen. Mindestens 48 Menschen sind an der neuen Form der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit qualvoll gestorben, die vermutlich durch den Verzehr von BSE-infiziertem Rindfleisch ausgelöst wird. Welche Menge des Erregers für eine Ansteckung ausreicht und wie viele Jahre es bis zum Ausbruch der unheilbaren Krankheit dauert, ist noch unklar. Die Schätzungen der alleine in England zu erwartenden Todesopfer reichen von 100 bis über eine Million.

Die EU hat im August den Export von Fleisch höchstens 30 Monate alter Rinder wieder zugelassen. Denn seit Ende 1996 wird das aus Tierkadavern hergestellte Futtermehl nicht mehr verwendet, das als wichtigster Überträger gilt. Zusätzlich muss die Mutter des Schlachttieres sechs Monate nach der Geburt noch gesund sein. Die französischen Gutachter kritisieren dieses Verfahren. Die Wartefristen seien zu kurz, die BSE-Symptome würden erst bei 54 bis 60 Monate alten Tieren auftreten. Zudem hätten die bisherigen Vorkehrungen versagt, 1999 seien jeden Monat etwa 250 Rinder an BSE erkrankt. Möglicherweise gebe es weitere, bisher unentdeckte Infektionswege.

Tatsächlich gibt es Hinweise, dass BSE auch auf andere Weise als über Geburt und Kadavermehl innerhalb einer Herde übertragen werden kann. Nordirland hat daraus die einzig richtige Konsequenz gezogen und grundsätzlich die ganze Herde gesperrt, sobald ein Tier an BSE erkrankt. Mit Erfolg: Während in Großbritannien von einer Million Rindern etwa 650 der ansteckenden Hirnerweichung zum Opfer fallen, sind es in Nordirland nur noch 10 bis 15. London möchte dieses "Export Certified Herd Scheme" nicht übernehmen - aus einem einfachen Grund: Im Königreich ist jede zweite Herde von BSE betroffen, der wirtschaftliche Schaden wäre außerordentlich hoch. Nach der aktuellen Regelung ist der Fleischexport auch aus Herden zulässig, in denen gelegentlich BSE-Fälle auftreten. Die EU-Experten halten dies für unbedenklich, da das Schlachtvieh nur von gesunden Eltern abstammen darf. Die Überwachung dieser Anordnung, räumen sie in ihrem Gutachten ausdrücklich ein, sei Sache der Kommission und der Mitgliedsstaaten - so ist der Ball geschickt zurück gespielt an die Politik.

Die entscheidende Frage, welches Risiko der Bevölkerung zugemutet werden soll, ist nur politisch zu beantworten. Beim Importverbot für Hormonfleisch aus den USA hatte die EU deutlich gemacht, dass neue Produktionsmethoden und die Öffnung der weltweiten Handelswege einen konsequenten und wirksamen Verbraucherschutz nötig machen. Die richtige Konsequenz im BSE-Streit wäre einfach: Man müsste noch ein Jahr abwarten, bis die jetzt als "exportfähig" eingestuften Rinder das kritische Alter von 54 bis 60 Monaten erreichen, in dem die Seuche gewöhnlich ausbricht. Dieser Weg wurde jedoch bereits im Juli vom britischen Agrarministerium vorsorglich abgelehnt. So wird wohl auch weiterhin nach der Taktik gekämpft werden, für die das Kürzel "BSE" in England aucht steht: blame someone else - schieb es auf einen Anderen.

Der Autor ist Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

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