Politik : Der Vater des Booms

Christine Möllhoff

Neu Delhi - Nach dem Politdrama um Sonia Gandhi ist der 71-jährige Sikh Manmohan Singh zum neuen Ministerpräsidenten von Indien ernannt worden – erstmals steht damit kein Hindu an der Spitze der zweitgrößten Nation.

Er gilt als der „ehrlichste Politiker Indiens“ – und das ist viel in einem Land, in dem bald jeder zehnte Parlamentarier ein Strafverfahren am Hals hat oder vorbestraft ist. Mit seinem leisen, bescheidenen Auftreten ist Manmohan Singh im lauten Politzirkus eine Ausnahmeerscheinung. Aber er hat keinen Grund, tiefzustapeln. Singh, der von 1991 bis 1996 Finanzminister war, gilt als Architekt der indischen Wirtschaftsreformen. Er führte das Land von der Planwirtschaft an den Weltmarkt.

Indiens neuer Regierungschef will den Reformkurs fortsetzen, aber stärker sozial abfedern, die Massenarmut bekämpfen und die Friedensgespräche mit Pakistan vorantreiben. Als Beispiel verwies er auf Deutschland.

Singh ist ein genialer Kopf, aber kein Mann der Massen; er ist ein Arbeitstier, aber kein mitreißender Redner. Doch vielleicht hat der angesehene Politveteran das Zeug zu einem populären Landesvater, dem die Menschen vertrauen. Eine andere Frage ist, ob er sich als Regierungschef behaupten und die Koalition zusammenhalten kann. Mehr als 20 Parteien werden sich voraussichtlich an der künftigen Regierungskoalition beteiligen oder sie von außen stützen. Streit scheint programmiert.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben