Der Veränderliche : Heiner Geißler, der Archetyp für Schwarz-Grün

Heiner Geißler ging keinem Meinungsstreit aus dem Weg. Und definierte Konservativismus wie kein anderer so weit. Zum Tod des CDU-Politikers eine Würdigung von 2010.

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Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer (Bündnis 90/Die Grünen) und Heiner Geissler (CDU) Foto: Rolf Rick/dpa
Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer (Bündnis 90/Die Grünen) und Heiner Geissler (CDU)Foto: Rolf Rick/dpa

Heiner Geißler war ein herausragender Politiker der CDU und oft seiner Zeit voraus. Anlässlich seines Todes veröffentlichen wir hier dieses Porträt aus dem November 2010 noch einmal.

Er ist angezogen wie seit ein paar Jahren immer, so lässig und sportlich. Was insofern passen würde, als er Bergsteiger ist. Bergsteiger, Gleitschirmflieger, Politiker, Polemiker, Schlichter. Auch das noch. Von Oberndorf am Neckar, wo er vor 80 Jahren geboren wurde, über Mainz, Bonn, Gleisweiler in der Südpfalz, wo er wohnt und Wein anbaut, der „Gleisweiler Hölle“ heißt, nach Stuttgart. Und Berlin. Er wird gebraucht. Gehört. Von denen, die ihn schätzen oder wenigstens respektieren. Die ihn rufen, so wie jetzt in Stuttgart die Bahnhofsgegner wie -befürworter, verlassen sich auf ihn. Mit manchen im Hintergrund, Erwin Teufel, dem alten Freund, hat er mal eine Seilschaft gebildet.

Ja, er weiß, was eine Seilschaft ist. Was es bedeutet, sich an einen anderen zu binden, miteinander verbunden zu sein auf Gedeih und Verderb und sich, wenn es sein muss, in die Sicherung fallen lassen zu können. Er war so oft diese Sicherung, besonders für einen, mit dem er in der öffentlichen Wahrnehmung Jahrzehnte verbunden war.

Wie oft hat er Helmut Kohl zugeredet, gut zugeredet, sich zu konzentrieren vor öffentlichen Auftritten, sich vorher genau zu überlegen, was er sagen will und nicht zu bramarbasieren. Halt einfach diese Kohl-Sätze zu lassen. Einmal, da ist es Heiner Geißler dann zu viel geworden, da hat er Kohl, dem überlebensgroßen Kanzler, einen „Blackout“ vorgeworfen. Das war in der Flick-Spendenaffäre, und auch durch Geißlers scharfes Wort entging Kohl knapp einem Strafverfahren wegen uneidlicher Falschaussage.

Ohne Geißler wären Kohl und seine Erfolge undenkbar

Das waren Zeiten. Ohne Geißler wären Kohl und sein Erfolg undenkbar. Er war Kohls geistiger Spiegel. Beide, die heute 80 sind, waren in Rheinland-Pfalz in den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts aktiv, gehörten zu den „Glorreichen Vier“, mit Heinz Schwarz als Innenminister und Bernhard Vogel als Kultusminister. Sie pflügten damals das Land von Rhein und Reben um, „besamten“ es politisch, wie Kohl so unnachahmlich sagte. Das war aber nur das Vorspiel. Geißler war damals Sozialminister und ein Reformer vor dem Herrn, er machte sich Gedanken über Arbeitnehmer, Frauen, Jugend, Senioren zu einer Zeit, als noch nicht alle sich damit so eindrücklich befassten. Das machte, mitsamt den ganzen neuen Gesetzen, einen Gutteil der Stärke der Landesregierung aus – und damit der Stärke des „Schwarzen Riesen“, als den damals noch der „Spiegel“ Kohl bewundernd beschrieb. Das war, bevor der nach Bonn wechselte, um fortan für das Magazin bloß noch der Mann aus Oggersheim zu sein. Wobei, aber das nur am Rande, der „Spiegel“ großzügig überging, dass Oggersheim vormals immerhin ein Reichsstädtchen war.

Der geistige Riese hinter dem Riesen zu sein, das war Geißlers Aufgabe über Jahrzehnte. Das hat ihm lange gefallen – so lange er auch auffiel. Niemand sollte ihn in seinem Dienen übertreffen, könnte man sagen. Er diente: dem Ideal von einer christlich-demokratischen Gesellschaft und der Partei. Nicht einer Person, das hat er immer klargemacht, klar gesagt. „Führerkultisches“ war ihm ein Gräuel, das „Monolithische“ der CDU in der Endphase Kohl hat er auf jedem Parteitag gegeißelt. Und da war es nach seinem von Kohl 1989 erzwungenen Abschied immer so: Alle redeten nach dem großen Vorsitzenden, viele, lange, auf der Rednerliste stand Geißler ganz hinten, spätnachmittags oder abends. Bis er dran war, war der Saal leer; wenn er dran war, füllte er sich mit Delegierten, die ihm dann am Ende zujubelten wie früher. Nur eben nicht mehr folgten, sondern folgsam waren. Das waren die Jahre nach 1989.

War es tatsächlich ein Putschversuch?

1989. Ein Schicksalsjahr, für beide. Kohl, im Jahr sieben seiner Kanzlerschaft, zeigte Schwächen. Eine Gruppe führender Christdemokraten traf sich wieder und wieder, um zu beratschlagen, ob es mit ihm als Kanzler weitergehen könne. Rita Süssmuth war dabei, Lothar Späth, zeitweilig auch Norbert Blüm. Späth trat hervor und forderte damit Kohl heraus. Die Kritik wurde lauter, der Kreis der Unzufriedenen breiter. Kohl vermutete seinen Generalsekretär dahinter, hatte den Verdacht, Geißler wolle ihn als Parteichef loswerden. Ihre Freundschaft war bereits zerbrochen, seitdem sich die beiden schon im Bundestagswahlkampf 1987 schwere Auseinandersetzungen geliefert hatten: Geißler wollte die Partei weiter öffnen, sah sich als unabhängig von Kohl an, fand, dass der CDU-Generalsekretär „nicht der Generalsekretär der Regierung sein darf“ und laut Satzung auch eine Art „Geschäftsführender Vorsitzender“ sei. Kohl wurde es zu viel. Er nominierte Geißler nicht nur nicht mehr für das Amt des Generalsekretärs – der Vorsitzende hat das alleinige Vorschlagsrecht –, er ließ ihn bei den anschießenden Vorstandswahlen auch abstrafen. Hinterher, nach dem Parteitag von Bremen, sagte Kohl oft, er sei einem „Putsch“ zuvorgekommen. Geißler dagegen hat immer wieder versichert: „Es gab keine Absprachen und keine Aktion gegen Kohl.“

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