Politik : Der verirrte Glücksfall

Oberbürgermeister Ernst Reuter

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Nimmt man es ganz genau mit der „ersten Stunde“, so war Ernst Reuter nicht da. Denn das Kriegsende erlebte er in der Türkei, wo er für die längste Zeit der Naziherrschaft Exil gefunden hatte. Erst 1946 kam er zurück. In Ankara hatte er in der staatlichen Wirtschaftsverwaltung gearbeitet. In den letzten Jahren der Weimarer Republik sammelte der Sozialdemokrat als Stadtrat in Berlin und ab 1931 als Oberbürgermeister von Magdeburg kommunalpolitische Erfahrung und Anerkennung. Das war es, was nach Kriegsende fehlte. Und nirgends mehr als in Berlin.

Große Überredungskünste mussten Kurt Schumacher, der SPDVorsitzende, und die Berliner Genossen nicht aufwenden: Unmittelbar nach seinem Gespräch mit dem Parteivorsitzenden brach Reuter voller Tatendrang auf. Am 24. Juni 1947, wählte ihn die Stadtverordnetenversammlung zum Oberbürgermeister. Nur, dass die Sowjets ihre Zustimmung verweigerten, so dass er erst 1948, nach der Aufspaltung der Verwaltung von Groß-Berlin, sein Amt antreten konnte. Dass Berlin mit Reuter einen hochbefähigten Kommunalpolitiker bekam, war erwartbar. Überhaupt nicht abzusehen war hingegen, wie sehr die sich allmählich teilende Stadt in den Fokus der Weltpolitik und der Ost- West-Konfrontation rücken würde. In dieser Lage erwies sich Reuter als Glücksfall. Als Student Sozialist, dann, 1917, nach seiner Gefangenschaft im bolschewistischen Russland, Kommunist und Gefolgsmann von Lenin und Stalin, wandte er sich früh (1921), angewidert und gestählt, von dieser Verirrung ab und kehrte zurück ins Lager der Sozialdemokratie. So konnte er werden, „was die deutsche Gesellschaft aufs tiefste benötigte“: ein „Vorbild“, gar ein „demokratischer Führer“, als den ihn Fritz Stern gewürdigt hat. psi

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