Politik : Der Vermittler von Chiapas, Bischof Ruiz, geht in den Ruhestand

Sigrun Rottmann

Seine Anhänger nennen ihn liebevoll "Tatic" (großer Papa), und manche verehren ihn wie einen Heiligen. Für seine schärfsten Kritiker ist er der "Comandante Sam", ein verkappter Guerillero der Zapatistischen Nationalen Befreiungsarmee (EZLN). Nach vierzigjähriger Amtszeit verabschiedet sich Bischof Samuel Ruiz Garcia am heutigen Dienstag von den rund einer Million Gläubigen der Diozöse San Cristobal de las Casas. Die Nachfolgefrage ist offen, seit Papst Johannes Paul II. den Stellvertreter und Wunsch-Nachfolger von "Don Samuel", Raul Vera, vor wenigen Wochen zum Bischof von Saltillo im Norden Mexikos befördert hat.

Ruiz hinterlässt eine Diozöse mit sozialem und politischem Sprengstoff, an dessen Entschärfung er trotz politischer Widerstände hartnäckig arbeitete. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil 1964 schloss sich der Geistliche Ende der sechziger Jahre der Befreiungstheologie an und begann, im ärmsten Bundesstaat Mexikos eine "iglesia indigena" von Indios für Indios aufzubauen. Diese Basiskirche sollte den katholischen Glauben in die traditionelle Kultur integrieren und das Selbstbewusstsein der Indios als "Subjekte ihrer eigenen Geschichte" stärken. Die Diozöse bildete nach dieser Vorgabe Tausende indianischer Katechisten aus und schickte sie in die abgelegensten Bergdörfer.

Derweil machte sich der 75-jährige Bischof in konservativen mexikanischen Kreisen unbeliebt, weil er Rassismus, ungerechte Landverteilung und die Ausbeutung der Maya-Bevölkerung im Hochland von Chiapas ebenso anprangerte wie die korrupte Provinzregierung . Auch bei katholischen Weißen und Mestizen stieß die Linie des Geistlichen auf Widerspruch.

Nach dem Aufstand der EZLN am 1. Januar 1994 in der Region um San Cristobal wurden sofort Verschwörungstheorien über die Zusammenarbeit von Kirche und Rebellen laut. Der Bischof habe der linken Guerilla bei den Vorbereitungen für die Erhebung geholfen, verbreiten seine Kritiker bis heute. Für die Stadtregierung von San Cristobal steht Ruiz auf der Seite des Zapatistenführers "Subcomandante Marcos". Mexikos Präsident Zedillo bezeichnete die Linie des Bischofs als "Theologie der Gewalt".

Vier Jahre vermittelte Ruiz zwischen der EZLN und Mexikos Bundesregierung, bis er, frustriert vor allem über die starre Haltung der Regierung, 1998 den Vorsitz der Nationalen Vermittlungskommission niederlegte. Seither liegen nicht nur die Verhandlungen zwischen Rebellen und Mexiko-Stadt auf Eis. Auch zwischen Ruiz und "Subcomandante Marcos" herrsche wegen politischer Meinungsverscheidenheiten Funkstille.

Dass sein ebenfalls regierungskritischer Stellvertreter nun versetzt wurde, dürfte für Ruiz ein harter Schlag zum Abschied gewesen sein. Der Vatikan habe einem Wunsch der Regierung und des konservativen mexikanischen Klerus statt gegeben, spekulieren kritische Stimmen. Ruiz-Gegner in San Cristobal jedenfalls jubilierten. Während sie vom künftigen Hirten ruhigere Zeiten und mehr Interesse für die Belange von Weißen und Mestizen erhoffen, fürchten die Gefolgsleute des Bischofs, dass bald ein konservativer Wind durch die Diozöse bläst. Der könnte das soziale Klima verschärfen und den Dialog mit den Zapatisten zusätzlich erschweren.

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