• Der von China eingesetzte tibetanische Gegen-Dalai-Lama setzt sich ab - und bringt Peking in Verlegenheit

Politik : Der von China eingesetzte tibetanische Gegen-Dalai-Lama setzt sich ab - und bringt Peking in Verlegenheit

Gabriele Venzky

Die spektakuläre Flucht des Karmapa Lama nach Indien hat China in große Verlegenheit versetzt. Der Lama ist die Nummer drei in der spirituellen Hierarchie Tibets und war von Peking als Gegen-Dalai-Lama in Tibet eingesetzt worden. Wie am Freitag bekannt wurde, ist der 14-jährige "Lebende Buddha", so auch der Titel des gleichnamigen Films über ihn, bereits am 31. Dezember mit einer kleinen Gruppe Mönche über die verschneiten Berge des Himalaja ins indische Dharamsala zum weltlichen und geistigen Oberhaupt der Tibeter, dem Dalai Lama geflohen, der vor fast 41 Jahren, ebenfalls im Winter, auf den gleichen beschwerlichen Wegen der chinesischen Besatzungsmacht entkommen war.

Angeblich hat der 17. Karmapa Lama einen Brief hinterlassen, in dem er mitteilt, er wolle in Dharamsala lediglich Musikinstrumente und die für seine Sekte charakteristischen schwarzen Mützen besorgen. Peking hält damit demonstrativ eine Hintertür auf für die Rückkehr des als Ugen Thinley Dorjee geborenen "lebenden Buddhas". Für Peking war er nämlich nicht nur ein geistlicher Führer, sondern eine politische Waffe in dem seit 50 Jahren andauernden und immer noch weitgehend gescheiterten Versuch, die Tibeter für China zu gewinnen. Denn 1992 hatte sogar der Dalai Lama den kleinen Jungen als "wirkliche Reinkarnation" anerkannt. Aus dem indischen Exil, wo mit 130 000 Menschen die größte tibetische Auslandsgemeinde unter der Exilregierung des Dalai Lama lebt, waren Lamas nach Tibet zurückgekehrt, um den Karmapa Lama im Kloster Tsurphu, hoch in den Bergen außerhalb Lhasas, zu unterrichten - ein Triumph für Peking.

Denn nach wie vor dauert das Gerangel um die Nummer Zwei in der tibetischen Hierarchie an, den Pantschen Lama. Jahrelang hatten Peking-treue Lamas nach der Reinkarnation des 1989 verstorbenen heiligen Führers gesucht, der nach der Flucht des Dalai Lamas 1959 in Tibet zurückgeblieben war und als Faustpfand der Kommunisten sogar im Zentralkomitee saß. 1995 wurden sie mit dem damals fünfjährigen Gyainicain Norbu fündig - eine Wahl, die freilich nicht vom Dalai Lama und damit auch nicht von der Mehrheit der Tibeter anerkannt wurde. Der Dalai Lama hatte nämlich bereits den damals sechsjährigen Gedhun Choeki Nyima als 11. Pantschen Lama präsentiert. Der steht seitdem in China unter Hausarrest und ist der wohl jüngste prominente politische Gefangene der Welt.

All dies offenbart das Dilemma Pekings. Selbst nach 50 Jahren ist es den Chinesen nicht gelungen, die tiefe Religiosität der Tibeter und die große Verehrung für den Dalai Lama gewaltsam auszumerzen. Zwar ist der aktive Widerstand in Tibet niedergeschlagen, aber immer wieder kommt es zu Protesten und anschließend zu Verhaftungswellen. Etwa 1000 Tibeter, viele von ihnen junge Mönche und Nonnen, sitzen als politische Gefangene im Gefängnis. Nicht weniger als 95 Prozent der Bevölkerung sollen eine "patriotische Umschulung" durchlaufen haben. Der Dalai Lama spricht von einem kulturellen Genozid. Allerdings hat der 64-jährige Friedensnobelpreisträger seine Forderung nach der Unabhängigkeit Tibets längst aufgegeben.

Im vergangenen Jahr sah es so aus, als ob es zu einem Kompromiss kommen könnte, nachdem Präsident Jiang Zemin Verhandlungen angeboten hatte, wenn der Dalai Lama anerkennen würde, dass Taiwan eine Provinz Chinas und Tibet ein unveräußerlicher Bestandteil des Reichs der Mitte sei. Peking ist aus strategischen Gründen keinesfalls geneigt, auf Tibet zu verzichten und scheint inzwischen zu hoffen, das Problem Tibet aussitzen zu können.

Immer wieder ist zu hören, dass das Oberhaupt der Tibeter Gesundheitsprobleme hat. Der Person des Dalai Lama ist es zu verdanken, dass bisher die Kultur und Religion der Tibeter im Exil gepflegt wird, in ihren Universitäten, Schulen, Kindergärten. Der Buddhismus, der von dem chinesischen Parteisekretär Tibets als "fremde Kultur" bezeichnet wird, erlebt derzeit im Westen geradezu eine Blüte.

Die plötzliche Ankunft des Karmapa Lama im indischen Dharamsala bereitet jedoch auch der tibetischen Exilregierung und erst recht dem Gastland Indien diplomatische Kopfschmerzen. Denn nun rückt das ungeklärte Tibet-Problem wieder ins Scheinwerferlicht, wo man es doch gerne "um des lieben Friedens willen" im Hintergrund belassen hätte.

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