Politik : Der Wahrheitsfindung keine Schranke

Malte Lehming

In Amerika ist man eher als in anderen Ländern bereit, extreme Meinungen zu dulden. Doch selbst dort sind einige Fragen tabu. Ob die Sklaverei wieder eingeführt werden soll oder das Wahlrecht für Frauen abgeschafft gehört: Kein seriöser Journalist, geschweige denn Politiker, käme auf die Idee, solche Dinge zu verhandeln. In die Tabu-Kategorie gehörte bisher auch die Frage der Folter. Doch das ändert sich gerade. Der Kolumnist des liberalen Magazins "Newsweek", Jonathan Alter, schrieb vor einer Woche: "Es ist an der Zeit, über die Folter nachzudenken". Das Überleben in der "neuen Welt" könnte die Anwendung "alter Techniken" notwendig machen.

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Ted: Sollen die USA ihre Bombardements unterbrechen? Damit meint der Autor zwar nicht "Elektroschocks" und ähnliche "brutale Methoden", weil deren Anwendung mit den "amerikanischen Werten" nicht vereinbar sei. Aber die "psychologische Folter", das laute Vorspielen von Tonbändern mit dem Geräusch sterbender Ratten oder die Injektion von "Wahrheitsseren", sollten seiner Ansicht nach in gravierenden Fällen erlaubt sein. "Wenn eine Zeitbombe tickt" und durch wichtige Informationen "hunderte von Menschen gerettet werden können", schreibt Alter, müssten US-Richter den Ermittlungsbeamten die Erlaubnis zur Anwendung "moderaten physischen Drucks" erteilen dürfen. Der Autor bezieht sich dabei auf eine entsprechende Gesetzgebung in Israel, die ihm als Vorbild dient.

Der "Newsweek"-Artikel ist kein Einzelfall. Immer mehr US-Medien widmen sich der Folter-Diskussion. Im populären Nachrichtensender "Fox News" begann jüngst ein Beitrag mit den Worten: "Sollten unsere Gesetzeshüter alles tun dürfen, also auch extrem schreckliche Dinge, um Verdächtige zum Reden zu bringen?" CNNwiederum ließ den konservativen Kolumnisten Tucker Carlson sagen: "Die Folter ist etwas Schlimmes. Aber einige Dinge sind noch schlimmer. Unter Umständen kann die Folter das kleinere von zwei Übeln sein." Auf einen solchen Fall wiederum geht das "Wall Street Journal" ein. Weil sie ihn folterten, konnten die philippinischen Behörden vor sechs Jahren angeblich Informationen von einem verdächtigen Terroristen erpressen und dadurch einen großen Anschlag verhindern. "Hätten wir in den USA das mit unseren Methoden ebenfalls geschafft?", fragt der Autor.

Beunruhigt über die Diskussion, in die sich bisher kein Politiker eingeschaltet hat, sind Menschenrechtsorganisationen wie "Human Rights Watch" und "Amnesty International". Deren Vertreter werten die Debatte auch als Symptom der seit dem 11. September aufgeladenen Atmosphäre. In einer Zeit, in der fast täglich über die Möglichkeit von Ebola-Attacken fantasiert wird und über Selbstmordflieger, die sich in Atomkraftwerke stürzen, ist es wohl nicht verwunderlich, dass Menschen selbst über unmoralische Mittel für ihre Verteidigung nachdenken.

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