Politik : Der Weiterredner

Matthias Meisner

Eine gewisse Nervosität kann Gregor Gysi nicht verbergen. Noch bevor er selbst an der Reihe ist, verzieht er sich gleich zweimal, während der Reden von CDU-Mann Günter Nooke und FDP-Generalsekretärin Cornelia Pieper, zum Rauchen in die Lobby. Im Reichstag wird am Donnerstag über den Stand der deutschen Einheit diskutiert - und für den neuen Berliner Wirtschaftssenator heißt es, an diesem Tag Abschied zu nehmen aus aus dem Bundestag, nach gut elf Jahren.

Bereits vergangene Woche hat seine Fraktion Gysi in die Hauptstadt-Politik verabschiedet, "in wehmütiger Abschieds- und und wuseliger Aufbruchstimmung", wie die Genossen berichteten. Lothar de Maizière kam vorbei, auch Konstantin Wecker. Das Finale im Bundestag fällt dagegen glanzlos aus: Nur der Grüne Werner Schulz geht in seiner Rede überhaupt auf den Abschied Gysis ein, mit ein paar Spitzen gegen den "Politentertainer", dessen "Seiltänze" und die angebliche Neigung, sich "mit Zynismus der Eigenverantwortung zu entziehen".

Gysi selbst hat sich auf ein paar Din-A-5-Seiten Notizen gemacht. Es sei schon auffällig, sagt er, dass alle seine Vorredner Ostdeutsche gewesen seien, die Debatte sich überhaupt nur um die neuen Länder drehe, was die Sichtweise auf die "Deutsche Einheit" sehr verkürze. Der rhetorisch begabteste Politiker der PDS hält an diesem Abschiedstag aber keine große Rede. Vieles hat man von ihm so oder ähnlich schon gehört. Seiner Kritik an der Nicht-Vereinigung der Eliten, ein Thema seiner Abschiedsrede im Bundestag, war bereits ein eigenes Kapitel in seinem 2001 erschienenen Buch gewidmet. Und dass "fast nichts aus dem Osten übernommen wurde" - ob nun die Sekundärrohstofferfassung oder die Ganztagsbetreuung -, hat der PDS-Mann an anderer Stelle auch schon beklagt.

Gut zehn Minuten spricht Gysi, die gesamte der PDS-Fraktion in dieser Debatte zustehende Zeit ist verbraucht. Ohne Nachsicht unterbricht Bundestagspräsident Wolfgang Thierse: "Ihre Redezeit ist deutlich überschritten." Der Weiterredner Gysi hebt noch zweimal an, kommt auf seinen neuen Job zu sprechen. Und appelliert: "Lassen Sie uns doch endlich ein anderes Verhältnis zur Geschichte bekommen." Der Rest geht im Protest vor allem der Unionsabgeordneten unter. "Kollege Gysi, nicht das nächste Thema", schneidet Thierse ihm das Wort ab. Nur die PDS-Abgeordneten applaudieren am Schluss und überreichen Gysi einen in Zellophan verpackten Blumenstrauß. Allein Vizekanzler Joschka Fischer erhebt sich vom Platz und wechselt ein paar freundliche Worte mit dem PDS-Mann, dann noch die SPD-Abgeordnete Christine Lucyga, eine Hinterbänklerin aus Rostock. Dann geht es weiter in der Tagesordnung, als sei nichts Besonderes geschehen.

Im September 2000 hatte Gysi mit seiner letzten Rede als Fraktionschef fast alle Abgeordneten bewegt. Selbst Helmut Kohl klatschte damals, als Gysi sagte, er habe in den letzten zehn Jahren mehr Freiheit leben und mehr lernen können als in vielen früheren Jahrzehnten seines Lebens. Diesmal ist Kohl gar nicht da, und Applaus gibt es weder von der Union noch von der SPD.

Sei doch auch klar, meint Gysi anschließend im Foyer, diesmal nun werde er nicht als Ausscheidender wahrgenommen, sondern als "neuer Regierungspolitiker" in Berlin. Bis zur nächsten Bundestagswahl sei ohnehin wieder mit "Konkurrenzkämpfen und Kaltem Krieg" zu rechnen. Bevor Gysi an Thierse in dessen Amtszimmer die Erklärung zum Ausscheiden aus dem Bundestag übergibt, tauchen noch ein paar Saaldiener auf - und machen mit der Polaroid-Kamera noch Abschiedsbilder mit dem einstigen PDS-Vormann. Fürs Privatalbum.

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