Politik : Der Wiedergänger

Von Christiane Peitz

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Hatte Hitler ein Herz? War er eitel oder einsam? Solche Fragen waren angesichts des Massenmörders und der Schuld der Deutschen an den NSVerbrechen bisher tabu. Bruder Hitler? Bitte keine Nahaufnahme. Die Geschichtsschreibung mag als Mittel der Aufklärung dienen, nicht aber die Inszenierung, die Fantasie. Denn sie bedient den voyeuristischen Grusel. Die Nazi-HorrorPicture-Show: eine unsaubere Mischung, die vermeintlich zur Erkenntnis nicht taugt. Zumal die Deutschen bei ihrer Vergangenheitsbewältigung gern gründlich und politisch korrekt vorgehen.

Nächste Woche startet im Kino „Der Untergang“, ein Film über Hitlers letzte Tage im Bunker. Mit Szenen, die die Banalität des Bösen nicht analysieren sondern veranschaulichen: Hitler kleckert beim Essen. Der Film zielt auf ein großes Publikum, schon im Vorfeld verursacht er deshalb große Aufregung.

Eine paradoxe Sache: Knapp 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist uns Hitler so fern, dass wir uns ihm nun nähern können. Er ist toter und lebendiger als je zuvor. Nach dem verdrängten Diktator und der Nazi-Bestie nun der Kinoheld Hitler: Der Dämon ist zur Fiktionalisierung freigegeben, auch zur Kommerzialisierung.

Dabei ist es nicht die erste HitlerWelle. „Hitler sells“, der Spruch ist nicht neu; Historisierung erfolgt immer in Schüben. Ein Grund für den aktuellen Schub ist das Alter der Zeitzeugen. Die letzten Täter und Mitläufer sterben aus. Wer nicht persönlich dabei war, hat weniger Skrupel, Geschichte zu erfinden. Dabei kommt der Generationsunterschied zwischen Tätern und Opfern zum Tragen: Die Jahrgänge 1932 bis 1945 können Opfer gewesen sein, nicht aber Täter. Diese Überlebenden sterben noch nicht so schnell. Vor dem Respekt, der ihnen gebührt, muss die zweifelhafte Frage standhalten, ob man mit Hitler Mitleid haben darf. Zumal da auch die Frage mitschwingt, ob sich die Deutschen nicht endlich mal selbst Leid tun dürfen.

Nicht zufällig konzentriert sich das Augenmerk jetzt auf die Täter: Im Fernsehen laufen Goebbels- und Speer-Dokudramen, ins Kino kommen demnächst etliche Nazizeit-Spielfilme. Deren Protagonisten sind jetzt auch Napola-Zöglinge und SS-Offiziere. Derweil diskutiert die Nation über die Deutschen als Leidtragende des Bombenkriegs. Und während Vertriebenen- und Flick-Debatte einander ablösen, wächst das Stelenfeld des Holocaust- Mahnmals. Ein anschwellender Historiengesang, dessen Höhepunkt 2005, zum Jahrestag des Kriegsendes, noch bevorsteht.

Noch ein Paradox: Die Macher des „Untergangs“ betonen, dass jede Szene historisch verbürgt ist. Und sagen damit: Wir riskieren was, aber wir trauen uns nicht. Vor der Vergangenheit sind wir nicht gelassen, sondern befangen. Ganz normal im Museum landet Hitler noch lange nicht.

Am Ende des Films sind die Nazis tot und die Jugend bricht auf in die Morgenröte. Der Kinozuschauer weiß, dass es so nicht war. Es bleibt das Unbehagen, dass Hitler mit den Mitteln des Erzählkinos nicht beizukommen ist. Dennoch: Wer sich im Schutzraum der Fantasie der Faszination des Bösen stellt, nutzt die Freiheit zur sinnlichen Erkenntnis. Die Gemengelage von Geschichtsvergessenheit und Geschichtsversessenheit, von Aufklärung und Unterhaltung, kann nicht moralisch korrekt sein. Sie sich zu versagen, wäre eine Diktatur des Geistes.

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