• Der Zentralrat der Juden in Deutschland kürt einen neuen Präsidenten - eine richtige Wahl, so oder so (Kommentar)

Politik : Der Zentralrat der Juden in Deutschland kürt einen neuen Präsidenten - eine richtige Wahl, so oder so (Kommentar)

Rafael Seligmann

Es herrscht Hochspannung in Deutschland. Das rege Interesse der Öffentlichkeit und das hysterische der Medien lässt vermuten, demnächst würde über Existenzielles entschieden - beispielsweise über unser Geld, die politische Zukunft Deutschlands oder, was uns fast ebenso wichtig ist, die Geschicke des "Deutschen Fußballbunds" mit seinen Millionen Mitgliedern. Allein, es steht nur die Wahl eines neuen Präsidenten des "Zentralrats der Juden in Deutschland" an.

Dabei mutmaßt eine Mehrheit der Deutschen, hier würde mindestens eine Million Juden leben. Und knapp die Hälfte unserer Bevölkerung meint, "die Juden haben wieder zu viel Einfluss". Ein Schuft, der Böses dabei denkt.

Wer weiß schon, dass in Deutschland heutzutage lediglich 80 000 Juden wohnen, von denen zudem rund 50 000 erst im letzten Jahrzehnt aus den GUS-Ländern zugewandert sind? Die wahre Zahl der real existierenden Juden hier interessiert die meisten Deutschen herzlich wenig. Ihnen geht es um Prinzipielles: die eigene Geschichte. Denn durch ihre Verantwortungslosigkeit haben die Deutschen ihr Schicksal untrennbar mit jenem der Juden verwoben. Der Knoten heißt Adolf Hitler.

Nun sorgen wir uns also um die Nachfolge des Ignatz Bubis. Wobei der Titel "Präsident" im umgekehrt-proportionalen Verhältnis zur Machtlosigkeit des Amtes steht und am treffendsten mit dem jiddischen Ausdruck "nebbich" zu bezeichnen ist. Wie sollen, so fragen kluge Leute, der rechtschaffene Künstleragent Paul Spiegel aus Düsseldorf oder die wackere Münchnerin Charlotte Knobloch in die übergroßen Fußstapfen eines Ignatz Bubis treten?

Gemach! Als Ignatz Bubis sich 1992 um die Nachfolge des profilierten Heinz Galinski bewarb, fragten viele: Ignatz who? Man wusste von dem Frankfurter lediglich, dass er ein erfolgreicher Immobilienkaufmann war. Hätte Bubis sich nicht zu Unrecht von dem gewollt provokativen Faßbinderstück "Der Müll, die Stadt und der Tod" persönlich angegriffen gefühlt und dagegen lautstark protestiert, so gut wie niemand außerhalb der Mainmetropole hätte ihn gekannt.

Wenige Tage vor seiner Wahl habe ich Ignatz Bubis gefragt, ob er sich als Deutscher fühle. Seine Antwort: "Nein" - nach dem Völkermord sei ihm dies unmöglich. Bubis hat seine Haltung rasch revidiert. Nicht, weil er seine Grundangst vor den Deutschen überwunden hätte - dies zeigte sein letzter Wunsch, in Israel begraben zu werden -, sondern weil er begriff, dass die Juden aus eben jenem Ghetto ihrer Ängste ausbrechen mussten, um wieder Teil der Gesellschaft Nach-Auschwitz-Deutschlands zu werden.

Dies ist rational schnell entschieden und verkündet. Gefühle und Ängste aber lassen sich nicht kommandieren. Sie bleiben. Am Ende seines Lebens meinte Bubis, er habe fast nichts bewirkt. Alles andere wäre vermessen gewesen. Das deutsch-jüdische Verhältnis ist keine One-Man-Show, und sei der eine Mann auch noch so intelligent und energisch. Der Schatten, nicht Hitlers, sondern der seiner willigen Helfer ist zu dunkel, als dass ein Einzelner ihn ausleuchten könnte.

Nun wollen Charlotte Knobloch oder Paul Spiegel in Bubis große Schuhe schlüpfen. Sie werden rasch hineinwachsen - müssen. Denn es ist nicht allein ihr Schuhwerk. Wir alle stecken mitdrinnen.

"Die Deutschen haben die Juden, die sie verdienen", hatte ich in meinem ersten Roman "Rubinsteins Versteigerung" geschrieben. Das ist kein Zynismus. Aber auch keine philosemitische Schönrederei. Spiegel und Knobloch haben die Shoa als Kinder im Versteck überlebt. Später wollten beide Deutschland verlassen. Sie sind hier geblieben und haben wieder jüdisches Leben in Deutschland gewagt. Frau Knobloch leitet seit 14 Jahren die Jüdische Gemeinde Münchens. Paul Spiegel engagiert sich seit Jahrzehnten in der Vertretung der Juden Nordrheins. Nun steht die nächste Stufe im deutsch-jüdischen Verhältnis an. Aus Juden "in" Deutschland sollen wieder deutsche Juden werden. Wann? Sobald die Bindung an die Gesellschaft Deutschlands größer sein wird als die Angst: vor der Vergangenheit und vor den unkalkulierbaren Entwicklungen der Zukunft.

Auf der anderen Seite müssen die Deutschen damit aufhören, die Juden in ihrer Mitte als Exoten des Grauens zu betrachten oder als Israelis. Und die Juden Deutschlands, vor allem die jüngeren unter ihnen, sollten die eigene Identität nicht ausschließlich über den Holocaust ausmachen. Ihre Perspektive muss sich vor und zurück über Hitler ausdehnen. Es wäre auch hilfreich sich nicht mehr als Ersatz-Israelis oder zionistische Trockenschwimmer zu gebärden.

Der Weg in die Zukunft führt über die Vergangenheit. Nicht allein die Jüngste. Die deutsch-jüdische Geschichte ist sechzehnhundert Jahre alt. Sie hat mehr zu bieten als ein Dutzend Hitlerjahre. Erst wenn sich Juden und Deutsche darauf besinnen, dass ihre Geschichte, Kultur und Gesellschaft vielfach verschmolzen sind, und aufeinander zugehen, wird die Angst weichen.

Paul Spiegel hat für die Juden eine "Wächterfunktion" reklamiert. Charlotte Knobloch will aus dem deutsch-jüdischen Nebeneinander ein Miteinander machen. Das ist noch nicht genug. Der eine oder andere wird an den gestellten Aufgaben wachsen. Das Amt wird sie schlau machen.

Der Erfolg des zukünftigen Judenpräsidenten oder der -präsidentin wird weniger von deren persönlichen Fähigkeiten abhängen, als von der Bereitschaft der Deutschen, sich vom Klischee des Musterjuden zu trennen. Nicht jeder Hebräer ist klug wie Albert Einstein, witzig wie Woody Allen oder tapfer wie Moshe Dajan.

Klezmermusik, Menoroth und Holocaustmahnmale ersetzten keine lebenden Juden. Mit ihnen, nicht allein mit Frau Knobloch und Herrn Spiegel wird man sich auseinandersetzen müssen - wenn man meint, Juden könnten wieder Deutsche sein.Der Autor ist Schriftsteller und lebt in Berlin.

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