Politik : Der Zentralrat der Juden: Neue Existenz im Land der Täter

Clemens Wergin

Der Zentralrat der Juden in Deutschland feiert Fünfzigsten - und alle kamen am Donnerstag in das Berliner Hotel Adlon, um ihm die Reverenz zu erweisen. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) sagte in seiner Ansprache, der Zentralrat sei "in den letzten 50 Jahren eine der wichtigsten Säulen unserer Zivilgesellschaft" geworden und betonte, dass es "wenige Jahre nach dem Ende des verbrecherischen Nazi-Regimes keineswegs selbstverständlich" gewesen sei, dass die Überlebenden sich gerade im "Land der Täter" eine neue Existenz aufbauen wollten.

Insbesondere dankte Schröder dem Zentralratsvorsitzenden Paul Spiegel "für sein Engagement und seine Bereitschaft im Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit Gesicht zu zeigen". Gegen den, wie er sagte, "widerlichen" Rechtsradikalismus kündigte Schröder harte Schritte an. Es gelte das Gewaltmonopol des Rechtstaates zu verteidigen sowie Fahndungsdruck und Abschreckung zu erhöhen. "Wir dürfen einfach nicht zulassen, dass Gruppen für sich in Anspruch nehmen bestimmen zu können wer in welchen Stadtteilen leben und sich aufhalten darf, und wer nicht" sagte der Kanzler. Dabei ginge es nicht nur um den Standort Deutschland und das Ansehen in der Welt, sondern um "die Grundwerte unserer Demokratie, um das, was unsere Gemeinschaft im Inneren zusammenhält". Rechtsradikale Strukturen müssten "mit den Mitteln des Verbots zerschlagen" werden.

Offener Antisemitismus

Spiegel dankte der Bundesregierung für die "kompromisslose Haltung" bei den Sanktionen gegen Österreich. Er bezeichnete deren Beendigung jedoch als "falsches Signal". In Deutschland ginge der in den 70er Jahren ermittelte Anteil von etwa 20 Prozent manifesten Antisemiten in der Bevölkerung zwar leicht zurück. Seit der Wiedervereinigung habe sich jedoch "die Offenheit, mit der Antisemitismus ausgesprochen wird", geändert. Nach der Walser-Rede würden sich auch Teile der Eliten in Politik, Wirtschaft und Kultur zum Antisemitismus bekennen. Dennoch glaube er an die in 50 Jahren gewachsene Demokratie auch wenn "immer noch viele der älteren in Deutschland lebenden Juden mit der Tatsache nicht fertig werden, in diesem Land zu leben".

Spiegel wies auch auf die schwierige Situation der Gemeinden in den ersten Nachkriegsjahren hin. Von den ehemals 600 000 Juden in Deutschland seien 400 000 Ausgewandert. Von den restlichen hätten nur etwa 12 000 den Holocaust überlebt. Er sprach deswegen von einem "ausgetauschten Judentum", setzten sich doch die Nachkriegsgemeinden zum großen Teil aus Juden zusammen, die aus Osteuropa geflohen und in Deutschland hängengeblieben waren. Dennoch habe es bis 1989 nur etwa 30 000 Juden in Deutschland gegeben. Erst durch die Einwanderung russischer Juden in den 90ern sei diese Zahl auf 85 000 gestiegen.

Um die Integration dieser eingewanderten Juden zu erleichtern brachte Thomas Middelhoff von der Bertelsmann AG ein Geburtstagsgeschenk an den Zentralrat mit. Das Medienunternehmen will einen Fond von einer Million Mark zur Vefügung stellen für Stipendien an russisch-jüdische Wissenschaftler, Künstler und Journalisten.

Wie Middelhoff appellierte Schröder "eindringlich an alle betreffenden Unternehmen" endlich der Zwangsarbeiterstiftung beizutreten.

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