Politik : Des Kaisers neue Perspektiven

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Das war, wie wir in den letzten Tagen öfter hören mussten, die Mutter aller Schlachten. Deutschland hat sie gewonnen – aber was folgt nun? Vater? Kind? Drängen sich die Kusinen aller Schlachten vor, nerven die Enkel? Oder beschließt die Schlacht am Ende, nicht länger die Verwandtschaft vorzuschicken, und kommt selbst vorbei?

Einer wie Muammar al-Gaddafi sollte sich mit solchen Fragen auskennen. Schlachten sind ihm nicht fremd, und auch zum Fußball fühlt er sich hingezogen, zumal sein Sohn Saadi mal in Perugia gekickt hat, freilich nur für ein Spiel, an das sich niemand mehr erinnern mag. Doch das genügte dem mild gewordenen Diktator, um eine Art Globalisierungskritik des Fußballs zu formulieren, die jetzt, zeitlich genau abgepasst, auf der lobenswerten Website www.algathafi.org erschienen ist.

Dieses Weblog an sich zeigt den reifen Tyrannenstil, den wir mangels Tyrannen nur noch selten zu sehen bekommen. 17 Porträtfotos auf einer Seite, das erinnert an Erich Honecker und das „Neue Deutschland“ , heute gibt es Vergleichbares nur noch in der Pyöngyang Times. Gaddafi, zugegeben, macht was her, sieht ein wenig aus wie Mick Jagger auf der Suche nach Keith Richards, nur erheblich eleganter gekleidet.

Fußball also ganz oben. Gaddafis Analyse fasst zunächst den Stand der medizinischen Forschung zusammen: Den Fußballfans, sagt er, drohen unzählige Krankheiten wie Angina Pectoris, Schlaganfall, Diabetes, hoher Blutdruck und frühe Vergreisung – das können wir nach dem Elfmeterschießen von Berlin verstehen. Der Sport, wie er von der Fifa geprägt wurde, sagt der Staatschef, stachelt Völker zum Hass an, beutet die dritte Welt aus und ist eine moderne Form der Sklaverei; jeder, der einmal gesehen hat, wie David Odonkor, mit schweren Ketten im Strafraum angeschmiedet, um sein Leben kämpft, wird das nur bestätigen können. Gaddafis Schlussfolgerung ist so einfach wie radikal: Entweder müsse man die Fifa umgestalten und ihr Geld den armen Ländern geben – oder sie ganz abschaffen. „Mr.Platter“ allerdings traut er das nicht zu

Nun ja: Bis zum Finale ist ja noch Zeit, eine passende Antwort auf diese Fundamentalkritik aus Libyen zu finden. Franz Beckenbauer wird ja nach der WM nur noch schwer vermittelbar sein, den Job des Fifa-Präsidenten will er nicht haben. Aber Kaiser von Libyen – das wäre ganz sein Metier. Dann hört endlich diese Nörgelei auf.

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