Politik : Des Präsidenten General

CHRISTOPH VON MARSCHALL

Ist Arkansas die Talentschmiede für die mächtigsten Männer Amerikas dieser Generation? Bill Clinton war in der Hauptstadt Little Rock lange Jahre Gouverneur, der NATO-Oberbefehlshaber Europa, Wesley Clark, der die Militäroperation gegen Serbien leitet, wuchs dort auf.Und beide studierten später mit einem Rhodes-Stipendium in Oxford.

Ansonsten aber trennt den 52jährigen US-Präsidenten weit mehr von seinem um anderthalb Jahre älteren General, als die beiden Männer verbindet.Bill Clinton drückte sich um den Vietnam-Krieg, Wesley Clark verdiente sich an der Front in Südostasien seine ersten Orden.Zuvor hatte er die renommierte Militärakademie West Point 1966 als Jahrgangsbester abgeschlossen.1979 war er mit 34 Jahren der jüngste Oberstleutnant der US Army.

Clark gilt als humorvoller und charmanter Offizier.Er kann aber auch knallhart sein.Jugoslawiens Präsident Slobodan Milosevic bekam Clarks unbeugsamen Willen schon mehrfach persönlich zu spüren: bei der Friedenskonferenz für Bosnien-Herzegowina in Dayton 1995 gehörte der General dem US-Verhandlungsteam an.Und im Oktober 1998, als der starke Mann in Belgrad nachgeben und die serbischen Einheiten aus der zu 90 Prozent von Albanern bewohnten Provinz Kosovo abziehen mußte, nachdem der NATO-Kommandeur ihm mit Luftangriffen gedroht hatte.Wenig später nahm Milosevic freilich neue Attacken der albanischen Untergrundarmee UCK zum Anlaß, um abermals Truppen zu entsenden, die wieder Dörfer zusammenschossen und ihre Bewohner in die Flucht trieben.

Bei seinen schwierigen Entscheidungen dürfte Clark davon profitiert haben, daß er in den letzten acht Jahren intensiv mit dem Balkan und vor allem dem serbischen Militär zu tun hatte.Und wie meist im Leben, haben ihn dabei wohl die Situationen, an die er sich ungern erinnert, mehr geprägt als die Erfolge.1991, als die Kriege um den Zerfall von Titos Jugoslawien in Slowenien und Kroatien begannen, wurde Clark stellvertretender Stabschef für Konzepte und Militärdoktrin.Damals besuchte er das Hauptquartier der bosnischen Serben, ließ sich mit Serbengeneral Ratko Mladic, der später für das Massaker an Moslems in Srebrenica verantwortlich war und als Kriegsverbrecher angeklagt wurde, fotografieren, nachdem beide die militärischen Kopfbedeckungen getauscht hatten, und nahm von diesem Pistole und Whisky als Geschenke an.Nur normale militärische Rituale, wie das Pentagon behauptete, oder eine "Fraternisierung" mit dem Agressor, wie manche Medien kritisierten?

Spätestens bei den Friedensverhandlungen für Bosnien-Herzegowina auf der US-Luftwaffenbasis Dayton hatte Clark alle Zweifel ausgeräumt.Er war dort der militärische Berater des US-Vermittlers Richard Holbrooke.

Als Clark im April 1997 zum NATO-Oberbefehlshaber Europa ernannt wurde, war Holbrooke denn auch des Lobes voll: Clark repräsentiere die Kontinuität des Friedensprozesses auf dem Balkan.Das gilt ungeachtet der Tatsache, daß dieser derzeit mit Waffengewalt ertrotzt werden muß.Anders als sein Vorgänger George Joulwan, der die damit verbundenen Risiken für die Allianz-Truppen in Bosnien scheute, ließ Clark die NATO-Soldaten gezielt nach den gesuchten Kriegsverbrechern fahnden.

Auch er selbst hat die Lebensgefahr auf dem Balkan am eigenen Leib erfahren.Als am Berg Igman bei Sarajevo nach Unwettern die Straße unter der Last einer Kolonne von Schützenpanzern abrutschte, entging Clark nur sehr knapp dem Tod.Das Fahrzeug direkt vor ihm stürzte in den Abgrund, er kam mit dem Schrecken davon.

Nun mußte er seine Piloten bei den Luftangriffen einer noch größeren Bedrohung aussetzen: Die serbische Luftabwehr gilt als weit gefährlicher als etwa die des Irak.Und wenn die Militärintervention irgendwann hoffentlich erfolgreich vorbei ist, kann der NATO-Oberbefehlshaber Europa dazu beitragen, die politischen Schäden zu reparieren: zum Beispiel Rußland wieder zur Kooperation mit der Allianz zu bewegen.Clark spricht fließend Russisch.

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