Politik : Des Volkes Amnesie

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Foto: Rückeis

AUF ZU DEN LINDEN!

Von Michel Friedman

Wahlkampfzeiten haben mit dem wirklichen Leben selten etwas zu tun. Sie bestehen aus Show, aus erfundenen Drehbüchern, aus einer Menge Scheinargumenten und vor allem: aus der Hoffnung, dass die Menschen eine Volkskrankheit haben – die Amnesie, die Vergesslichkeit. So wird uns im Wahlkampf Misserfolg als Schicksal verkauft, und neuer Erfolg wird uns als eigene Erfindung angepriesen. In diesen wenigen Wochen des Wahlkampfes wissen plötzlich alle alles besser. Und der naive Wähler fragt sich: Warum kommt diese Intelligenz immer erst am Ende einer Wahlperiode und verschwindet wie durch ein Wunder einen Tag nach der Wahl?

Dieses Ritual ist überparteilich. Das Drehbuch übrigens auch. Unterschiedlich ist nur die Qualität der Schauspieler: Die einen stehen für Komödie und Spaß, die anderen sind die personifizierte Tragödie.

Was mich momentan wirklich ärgert, ist der Umstand, dass diese Wahl wahrscheinlich mit einem Thema entschieden wird, das hochgespielt, aufgeputscht und letztendlich, jedenfalls am 22. September, ein theoretisches ist: ein möglicher Krieg mit dem Irak. Alles andere, was wirklich und unmittelbar die Zukunft Deutschlands betrifft, wird durch diese „Kriegsstory“ in den Hintergrund geschoben. Bei allem Engagement – auch ich möchte nicht, dass Krieg ein Mittel der Politik ist. Diese Heuchelei macht mich wütend.

Am 22. September geht es – ich erlaube mir, uns und die Politik abschließend daran zu erinnern – um Arbeit, um Bildung, um soziale Gerechtigkeit und um die Zukunftsfähigkeit Deutschlands in Europa.

Der Autor ist Vizepräsident des Zentralrats der Juden, TV-Journalist und CDU-Mitglied. Bis zum 22. September lesen Sie an dieser Stelle Stimmen zum Wahlkampf.

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