Deutsch-amerikanische Beziehungen : Von wegen "Obamania"

Das Telefon von Angela Merkel klingelt und Barack Obama ist am anderen Ende der Leitung. Ein kurzes Gespräch um die Stimmungslage zu testen. Der Konflikt ist bei dem Thema Afghanistan aber sicher. Von Jörg Blank, dpa

Angela Merkel wählte klare Worte. Mit Barack Obama sei sie sich einig gewesen, dass die USA und Deutschland die weltweiten Probleme nur gemeinsam angehen könnten, berichtete die Kanzlerin vom ersten Telefonat mit Barack Obama nach dessen Wahl. Und sie habe dem neuen US-Präsidenten auch deutlich gemacht: Kooperation bedeute, dass Deutschland Verantwortung übernehmen "muss, soll und auch will".

Doch beim Treffen des Unions-Nachwuchses in Baden-Württemberg machte Merkel nach den fast euphorischen Tönen der vergangenen Tage ("historischer Wahlsieg") auch Grenzen der "Obamania" in Berlin deutlich. Eine Änderung am deutschen Kurs in Afghanistan werde es auch bei einer entsprechenden Anfrage des neuen starken Mannes im Weißen Haus nicht geben. Weitere militärische und zivile Hilfe durch die Bundeswehr im Norden des Landes Ja - aber kein breiter Kampfeinsatz im ungleich gefährlicheren Süden. Das könne sie Obama genauso gut sagen wie früher seinem Amtsvorgänger George W. Bush. Merkel und Obama treffen sich voraussichtlich beim Weltfinanzgipfel Ende der Woche in Washington.

Pragmatismus weicht Euphorie

Bei den Sozialdemokraten klingt neben Begeisterung über den Sieg Obamas ebenfalls nüchterner Pragmatismus an. Auch SPD-Fraktionschef Peter Struck weist mögliche Forderungen Obamas nach einem deutschen Einsatz im Süden Afghanistans klipp und klar zurück: "Ich würde mich entschieden dagegen wehren", sagt der frühere Verteidigungsminister der "Bild am Sonntag". Er gehe davon aus, dass der neue Präsident von der Nato und den Europäern mehr verlangen werde als bisher. Aber: "Es gibt Grenzen." Schließlich schicke Deutschland schon 1000 zusätzliche Soldaten nach Afghanistan. Und man sei bereit, Frühwarnflugzeuge mit deutscher Besatzung bereitzustellen.

Struck liegt damit auf der Linie von Merkel - und von Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Wie Struck versuchte der Vizekanzler am Wochenende vorbeugend, in der Afghanistan-Diskussion Pflöcke einzurammen. Der künftige Präsident habe ihm gesagt, dass er den deutschen Beitrag in dem Land sehr schätze. Und noch wichtiger: Obama wolle nicht nur Soldaten schicken, sondern mehr für den Wiederaufbau des Landes tun. "Wir sind hier sehr nah bei Obama", versichert Steinmeier im "Hamburger Abendblatt".

Den Hoffnungsträger nicht gleich verägern

Der SPD-Kanzlerkandidat weiß wie die Koalitionskollegen aus dem Unionslager: ändert die deutsche Regierung ihren Kurs am Hindukusch, drohen noch mehr Opfer. Gerade im Wahlkampfjahr 2009 will niemand in Berlin die deutschen Soldaten noch stärker gefährden als bisher und möglicherweise einen dramatischen Anstieg der Zahl der Attentatsopfer verantworten. Auch die Stimmung in der Bevölkerung ist eindeutig: 80 Prozent der Bürger sagen in einer Forsa-Umfrage, die Bundesregierung solle einer US-Forderung nicht nachgeben, mehr Soldaten nach Afghanistan zu schicken. Nur 15 Prozent sind anderer Meinung.

Doch Bundesregierung und Koalitionsparteien üben im Umgang mit Obama den Spagat - man will den neuen Hoffnungsträger aus Übersee nicht gleich zu Beginn verärgern. Denn auch in anderen wichtigen Bereichen werden Fortschritte erhofft: Finanzkrise, Handel, Klima und Menschenrechte. Um seinen guten Willen zu beweisen, will der Außenminister Anfang kommenden Jahres nach Bagdad reisen und sich um konkrete Projekte für den Wiederaufbau des Irak kümmern. Als Signal wird das in der Hauptstadt gewertet, auch weil Steinmeier als Kanzleramtschef unter Gerhard Schröder dessen Nein zum Irak-Krieg unterstützt hat.

Die SPD versucht zugleich, Obama für den eigenen Wahlkampf zu vereinnahmen: Parteichef Franz Müntefering sagt dem "Spiegel" nahezu überschwänglich, die Gedanken Obamas seien ihm sympathisch und nahe - "wenn er kein Demokrat in Amerika wäre, würde ich sagen: Obama ist ein Sozialdemokrat".

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