Deutsch-Russische Konsultationen : Merkel und Putin: Keine Angst vor öffentlichem Streit

Wenn sich am Abend Bundeskanzlerin Merkel und Russlands Präsident Putin in einem Weinlokal im Rheingau zu Konsultationen treffen, wird Klartext gesprochen. Das ist gute Tradition zwischen den beiden Regierungschefs.

Friedemann Kohler

WiesbadenEin Abend zu zweit in einem Weinlokal im romantischen Rheingau soll schon mancher komplizierten Beziehung geholfen haben. Also lud Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) den russischen Präsidenten Wladimir Putin in die "Adlerwirtschaft" in Hattenheim am Rhein ein. Mitten im Riesling-Reich sollten die deutsch-russischen Regierungskonsultationen beginnen.

Merkel und Putin sind auf der politischen Bühne ein Paar, das sich gegenseitig achtet, aber auch öffentlich streitet. Die schulterklopfende Männerfreundschaft, die "Gerd-und-Wladimir-Show" mit dem früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), gibt es nicht mehr. Die Kanzlerin aus Ostdeutschland, die selbst passables Russisch spricht, nennt Probleme beim Namen, was Putin oft zu Gegenattacken reizt. Szenen einer Polit-Beziehung:

Bei Merkels Antrittsbesuch in Moskau im Januar 2006 ist die Kühle spürbar. Die Neue verärgert den Kremlchef, weil sie den Druck auf die Nichtregierungsorganisationen in Russland anspricht. Anders als Schröder trifft sie sich auch mit Oppositionellen.

Bei den Regierungskonsultationen im April 2006 in Tomsk in Sibirien bricht das Eis. Merkel gefällt es in der Wissenschaftsstadt. Putin mutet ihr sibirische Spezialitäten bis hin zu Bärenfleisch zu. Die beiden gehen zum "Du" über.

Beim G8-Gipfel in St. Petersburg im Sommer 2006 mahnt die Kanzlerin Putin in aller Freundschaft, bei Kritik nicht dünnhäutig zu reagieren.

Politmorde und Razzien

Im Oktober 2006 treffen sich Putin und Merkel in Dresden unmittelbar nach dem Mord an der regierungskritischen Journalistin Anna Politkowskaja. Das Verbrechen habe "uns alle erschüttert", sagt die Kanzlerin.

Bisweilen kehrt Putin in der Beziehung den Macho heraus. Im Januar 2007 lässt er in Sotschi seinen dunklen Labrador Koni in Besprechungszimmer herumlaufen, obwohl er weiß, dass Merkel für Hunde nichts übrig hat.

Ihr bislang schwierigstes Treffen absolvieren Merkel als EU-Ratspräsidentin und Putin im Mai in Samara. Die russischen Behörden haben Oppositionelle verhaftet, die in der Wolga-Stadt demonstrieren wollten. "Gibt es irgendwo eine lupenreine Demokratie, in Deutschland zum Beispiel?", verteidigt sich Putin und verweist auf deutsche Polizeirazzien vor dem G8-Gipfel von Heiligendamm. Es gelinge "nicht immer, sich gegenseitig zu überzeugen", seufzt Merkel.

Sorge um die russische Demokratie

Konfliktthemen gab es auch für das Abendessen am Sonntagabend in Hattenheim und die folgenden Besprechungen mit den Ministern beider Länder am Montag in Wiesbaden genug.

Zwar brummt der Handel zwischen Deutschland und Russland, aber die Sorge wegen der Rückschläge für die Demokratie in dem Riesenreich nimmt zu. Russland und die Europäische Union (EU) können wegen eines polnischen Vetos nicht über ein neues Partnerschaftsabkommen verhandeln. Die EU will den russischen Konzern Gazprom nur ungern in die europäischen Gasnetze einsteigen lassen und fordert ihrerseits vergeblich Zugang zum russischen Gasmarkt.

Was kommt nach Putin?

Als Reaktion auf die US-Pläne für eine Raketenabwehr mit Stützpunkten in Polen und Tschechien droht Putin mit einem Ausstieg aus dem INF-Vertrag, der das Verbot atomarer Kurz- und Mittelstreckenraketen regelt. Und schließlich fragt sich Deutschland, wie Putin seine Nachfolge im kommenden Frühjahr regeln will. Er muss den Schreibtisch im Kreml räumen und will doch anscheinend die Macht nicht abgeben.

Geschadet hat die Direktheit der beiden Spitzenpolitiker den deutsch-russischen Beziehungen bislang nicht. Merkel schaffe eine Balance, meint der CDU-Außenpolitiker Ruprecht Polenz. Sie entwickele die Wirtschaftsbeziehungen weiter, als ob es keine Rückschritte bei der Demokratie gebe. Und sie spreche die Probleme an, als ob sie keine Rücksicht auf Handelsbeziehungen nehmen müsse. (mit dpa)

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