Deutsche Ansichten : Wie ticken wir Deutschen?

Ein neue Studie hat herausgefunden, wie wir Deutschen wirklich sind. Vieles davon ist wenig überraschend und klingt tolerant, weltoffen. Die Frage ist, ob die Antworten ehrlich sind. Ein Kommentar

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Die Installation «Duschende" der Künstlerin Christel Lechner steht am 26.03.2015 im Schlosspark Lichtenwalde (Sachsen). Die Schau "Alltagsmenschen» mit 63 lebensgroßen Skulpturen ist die erste Open-Air-Kunstausstellung in dem barocken Schlosspark.
Die Installation «Duschende" der Künstlerin Christel Lechner steht am 26.03.2015 im Schlosspark Lichtenwalde (Sachsen). Die Schau...Foto: dpa

Stereotypen über Menschengruppen oder gar ganze Nationen sind oft nicht nur doof, sondern auch verhängnisvoll. Vorurteile haben schon Kriege ausgelöst und Völkermorde. Darum beginnt Aufklärung – angefangen schon bei der Erziehung von Kindern – bei der schlichten Erkenntnis: Es gibt nicht „die“! Nicht „die“ Deutschen, nicht „die“ Griechen, Russen, Juden, Muslime, Frauen oder Männer.

Menschen sind gut und böse, manchmal beides, in wechselnden Mischungsverhältnissen, niemand ist völlig dumm oder grenzenlos klug. Davon erzählen am besten die Künste. Von Menschen in ihrem Widerspruch.

Die Hälfte der Männer sind Sitzpinkler

Jetzt hat das international renommierte Forschungsinstitut YouGov die Frage gestellt: „Wie ticken wir Deutschen?“ Die vor zehn Jahren in Großbritannien gegründete Firma, deren Chef den schönen Namen Shakespeare trägt, hat nach eigener Auskunft 80 000 repräsentativ ausgewählte Deutsche im Internet 555 Fragen beantworten lassen und diese in einer 192-seitigen Studie aufbereitet.

Worüber Deutsche lachen, wurde dabei übrigens nicht erfragt, dafür erfahren wir zur „German Angst“, dass jeweils 58 Prozent Krieg und Umweltzerstörung fürchten. Das wird niemanden überraschen. Eher speziell wirkt auch die Erkenntnis, dass 29 Prozent angeblich schon mal „Sexspielzeug“ benutzt haben oder die Hälfte der deutschen Männer inzwischen bekundet, Sitzpinkler zu sein. Letzteres ist vielleicht ein kultureller Fortschritt, fürs angeblich Nationaltypische taugt es weniger.

Überraschender wirkt indes, dass Wein im heutigen Deutschland beliebter sei als Bier, aber dennoch die deutsche Küche der italienischen oder chinesischen (dritter Platz) weiterhin vorgezogen wird. Dass Berlin einerseits als „hässlich“ und doch als Reiseziel attraktiv empfunden wird und dabei stärker polarisiert als beispielsweise München, erscheint gleichfalls kaum verwunderlich.

Sind wir eine Kulturnation?

Angeblich haben auch 58 Prozent der Befragten zu Hause mehr als 50 Bücher im Regal stehen, was wohl irgendwie nach Kulturnation klingt. Aber wie bei allen demoskopischen Umfragen bleibt hier dahingestellt, wie ehrlich die Antworten sind. Immerhin geben 41 Prozent offen zu, nie einen Euro für soziale Zwecke zu spenden. Umgekehrt zeigen 59 Prozent, dass in Deutschland nicht der Geiz regiert.

Irgendwie klingt vieles in der Studie tolerant, weltoffen. Deutsche sind demnach überwiegend für die Homoehe, und rund die Hälfte ist religiös. Bedenklich wirkt nur eine der wenigen explizit politischen Antworten. Demnach denken knapp zwei Drittel, Politiker seien „grundsätzlich suspekt“.

Menschen springen und ticken nicht

Und in allen Bundesländern außer in Niedersachsen oder Hamburg und Berlin verneint eine starke Mehrheit die Aussage, die jetzige „politische Ordnung ist die beste, die wir je hatten“. An diesem Punkt zeigt sich allerdings, dass nur Umfragen wirklich aussagekräftig sind, die auch mal differenziert nachfragen. Hier wäre doch interessant gewesen zu erfahren, welches frühere System die Spontanskeptiker für besser hielten. Schwer zu glauben, dass entweder das Kaiserreich, Weimar, die NS- Diktatur oder die DDR der Bundesrepublik heute vorgezogen würde.

„Wie ticken die Deutschen?“ Die Antwort lautet: Nur Uhren ticken und stehen oder gehen linear, selbst im Kreis. Menschen aber springen. Seitwärts, vorwärts, rückwärts und manchmal sogar im Quadrat.

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