Politik : Deutsche Bahn AG: Ein Zug von Kopflosigkeit

Ulrike Fokken

Es ist das Tafelsilber der Bahn. Angelaufen, dreckverkrustet und verbogen liegt es im Land verstreut: die 38.000 Kilometer Schienen der Bahn AG. Jahrzehntelang hat sich niemand wirklich die Mühe gemacht, sie zu pflegen. Nur hier und da investierte die Bahn in Prestigeprojekte wie die Hochgeschwindigkeitsstrecken. So ist das annähernd Flächen deckende Schienennetz in Deutschland zwar ein fast unbezahlbarer Wert, aber die Gleise sind eben alt und für eine moderne Verkehrspolitik unbrauchbar. So beeindruckend es für einen Reisenden von Hamburg nach München auch sein mag, die Strecke von 800 Kilometern in fünfeinhalb Stunden zurückzulegen - die meisten Bahnfahrer interessiert das nicht. Sie wollen pünktlich und flott von ihrem Wohnort zur Arbeit fahren, in die nächste Stadt gelangen oder einen Ausflug in der Umgebung machen. Mit anderen Worten: Sie wollen eine gute Regionalbahn.

Doch das Ansinnen der Kunden hat die wechselnden Bahnchefs ebenso wenig angefochten wie die Verkehrsminister der verschiedenen Regierungen. Sie haben auf das Prestige teurer Großprojekte gesetzt, die mangelnde Planung, schlechtes Management und Konzeptionslosigkeit vertuschen sollten. Allein zwei Milliarden Mark wurden etwa in die Kopfgeburt Transrapid investiert, ohne dass damit das Unternehmen Bahn einen Schritt in Richtung Zukunft getan hätte. Der überdimensionierte Bahnknoten Berlin wird zwei Milliarden Mark teurer als vorher geplant, die neue Trasse Köln-Frankfurt auch.

In diesen fragwürdigen Projekten wird das knappe Geld der Steuerzahler verbaut, das für das Gesamtnetz der Bahn fehlt und den Steuerzahlern über die überteuerten Fahrkartenpreise in Rechnung gestellt wird. Wenn sie denn überhaupt mit der Bahn fahren. Denn eben so wenig wie das wirtschaftliche Konzept der Bahn seit ihrer Privatisierung aufgegangen ist, hat die Bahn es vermocht, ihr angestrebtes Image als moderner Dienstleister aufzubauen.

Die Vergangenheit der Deutschen Bahn AG ist ein Trauerspiel. Umso verantwortungsvoller muss die jetzige Regierung eine Politik für die Bahn gestalten. Das Schienennetz muss komplett saniert werden und gleichzeitig der vollständige Wettbewerb auf den Gleisen zugelassen werden. Die wenigen Privatbahnen in Niedersachsen, Bayern oder Baden-Württemberg zeigen, dass Unternehmen mit dem umweltfreundlichen Verkehrsmittel Bahn auch Geld verdienen können. Sie fahren zuverlässig, mit kleinen und modernen Zügen auf Strecken, die die Bahn AG vor Jahren stilllegte oder aufgab. Und siehe da: Die Menschen steigen vom Auto auf den privaten Zug um. Sie würden auch mit der Staatsbahn fahren, denn es ist eine gern verbreitete Mär, dass die Regionalzüge allesamt leer durch die Gegend zuckeln.

Auch im Verkehrsministerium herrscht oft Ratlosigkeit. Nicht einmal die genaue Höhe der Verluste und der Schulden können die Herren an der Spitze benennen. Bahnchef Hartmut Mehdorn hat schließlich alle "Altlasten" bei dem Staatsbetrieb übernommen - auch die Mitarbeiter. In diesem Zustand der Desorientierung kann es aber nur falsch sein, einen Teil des Unternehmens zu verkaufen. Denn solange der Bahn-Eigentümer nicht den Weg zum Ziel für eine ökologische und wirtschaftliche Zukunft der Bahn formuliert hat, wird er den Erlös aus einem Verkauf auch nicht zielgerichtet einsetzen können. Der Eigentümer der Bahn ist immer noch der Staat, der Verantwortliche also Verkehrsminister Reinhard Klimmt. Denn Eigentum verpflichtet.

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