Deutsche Einheit : Mehr Respekt vor den Polen

Unsere Nachbarn sind zu Recht sauer: Berlin und die EU ignorieren die polnischen Verdienste für die Einheit.

Werner A. Perger

BerlinWie oft sie uns am 23. Mai live im Fernsehen einreden wollten, dass "die Spannung“ bei der Präsidentenwahl ständig und spürbar steige, hat niemand mitgezählt. Das Spannungs-Gedöns der TV-Kollegen war zeitweise peinlicher als der Pannenwahltag selbst. Man ist solchen Kummer von den Landtagswahlen und dem ungemein spannenden Warten auf die Siegerinterviews ja gewohnt.

Stellenweise aber wurde die fade Show diesmal regelrecht zum Ärgernis. So füllte die ARD die Zeit zwischen ihren Besuchen im Reichstagsgebäude mit einer live-Schaltung zur Festmeile vor dem Brandenburger Tor, wo Sandra Maischberger den außenpolitischen SPD-Veteran Egon Bahr interviewte. Da Frau Maischberger ihr Handwerk hervorragend beherrscht - wie man zumindest aus der Zeit vor ihren heutigen Plaudersendungen noch weiß - entwickelte sich in Nullkommanichts ein interessanter nachdenklicher Austausch über die Bedeutung symbolischer Gesten in der Politik, am Beispiel des Kniefalls von Willy Brandt vor dem Warschauer Ghetto-Denkmal.

Für so ein Thema ist der lebhafte, nur statistisch alt gewordene Bahr (Jahrgang 1922) immer eine Top-Besetzung. Was dieser Akt des Kniefalls in seiner weltweiten Wirkung bedeutet haben mag, ist ja auch ein vielversprechendes Thema, das seinen zentralen Platz hat in den 60 Jahren BRD-Geschichte. Da hörte man gerne zu. Und dann? Plötzlich, mitten im Text, Schnitt zur Bundesversammlung: Bei der ARD stand Klaus Wowereit, der nächste Hoffnungsträger der SPD, als ob die nicht schon Probleme genug hätte, und erklärte uns, worauf wir schon lange gewartet hatten, nämlich warum diese Präsidentenwahl im hier und jetzt so spannend sei.

Da war ich – bei allem Ärger über diese Fernsehfolter – froh, wenigstens kein Pole zu sein, den dieser unsensible Szenenwechsel nicht nur intellektuell, sondern auch national ins Mark hätte treffen können. Viel spricht dafür, dass Polen – auch den europäisch gesinnten, die leider keine krachende Mehrheit sind im Nachbarland – die selbstzufriedenen Jubelarien über die 60 deutschen Erfolgsjahre, das Wunderwerk des Mauerfalls und die „Wir-sind-ein-Volk“-Vereinigung auf den Wecker geht. Ich kann es verstehen.

Denn ohne die Polen wäre die ganze Geschichte vermutlich ziemlich anders gelaufen. Zugegeben, was-wäre-gewesen-wenn beziehungsweise wenn-nicht ist keine empirische Methode der Geschichtsbetrachtung. Das Nachdenken über die Umstände und Entstehungsbedingungen eines Ereignisses ist aber Teil einer historischen Reflexion. Und deshalb sollte man die gar nicht so kleine Rolle Polens auf dem Weg zur großen Wende nicht derart unverblümt herunterspielen, wie das zurzeit geschieht und sich im Vorfeld des 9. November abzeichnet. Und deshalb ist es auch Geschichtsklitterung, die Auflösung des sowjetischen Machtbereichs und den Aufbau des neuen, größeren Europas schlicht als Ergebnis des Falls der Berliner Mauer zu bezeichnen. Und den Mauerfall selbst, wie es nun innerhalb der EU geschieht, als Voraussetzung für die Erweiterung der Union. Das ist, so singulär hervorgehoben, nicht die Wahrheit.

Damals und die ersten Jahre danach wusste man es noch besser. Als am 9. November die denkwürdige Pressekonferenz des SED-Politbüromitglieds Günther Schabowski den Anfang vom Ende der DDR einleitete, weilten der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) und Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) samt einer großen Entourage, darunter zahlreiche Manager und natürlich jede Menge Journalisten, zum offiziellen Besuch in Warschau. Man war sich darüber im Klaren, dass in Osteuropa viel in Bewegung geraten war. Den Sommer in Ungarn mit der Grenzöffnung und die Sache in der Prager Botschaft hatten wir schon hinter uns. Dass der Funken aus dem Osten Europas in die DDR übergesprungen war, konnte keiner übersehen.

Aber weiß heute noch jeder der am öffentlichen Leben Beteiligten, dass Polen seit dem August 1989 schon nicht mehr kommunistisch regiert war und der katholische Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki, ein Solidarno??-Veteran, enger Berater des damaligen Arbeiterführers und späteren Staatspräsidenten Lech Walesa, mit seiner Regierung gerade versuchte, das Land zu stabilisieren und mit deutscher Hilfe zur westlichen Demokratie und schrittweise zur sozialen Marktwirtschaft zu öffnen. Mit seinem Polen-Besuch wollte Kohl diesen Prozess unterstützen. Der Koloss von Bonn hatte ein feines Gespür für die Bedeutung dieser Entwicklung und für die Dimension im Kontext der deutschen Frage.

Warschau, 9. November 1989: Die Nachricht von der Öffnung der Mauer – anfangs für ein Gerücht gehalten – brachte das Besuchskonzept gründlich durcheinander. Was tun? Kohl und Genscher entschieden sich schließlich, die Visite zu unterbrechen. Sie mussten nach Berlin, jetzt wurde deutsche Geschichte geschrieben, sie mussten dabei sein. Die Polen zeigten Verständnis, lächelten tapfer und gratulierten, empfanden diese besondere Symbolik aber zugleich irgendwie belastend. Wie sollten sie auch anders? Eine große symbolische deutsch-polnische Versöhnung der Demokraten sollte stattfinden und ihnen auf dem Weg in eine europäische Zukunft weiter helfen, stattdessen schlug erst mal die Stunde der Deutschen.

10. November: Der Besuch der deutschen Delegation an dem Ghetto-Denkmal, dort, wo Brandt gekniet hatte, verlief völlig anders, als jener von Anfang Dezember 1970. Diesmal beschäftigte die Deutschen die eigene Gegenwart weit mehr als die nationale Schuld vor einem halben Jahrhundert. Kohl versammelte an Ort und Stelle die mitgereisten Manager um sich, informierte sie von seiner Absicht, nach Berlin zu fliegen und bat sie drängend, das offizielle Programm in Warschau mitzumachen, um die Gastgeber nicht vollends vor den Kopf zu stoßen.

Er und Genscher und ihre Mitarbeiter flogen kurz darauf ab, am Abend sangen sie vor dem Schöneberger Rathaus in jenem denkwürdigen Männerchor die Nationalhymne, kommunizierten zwischendurch mit Gorbatschow, der zu Mäßigung aufforderte, hielten am nächsten Tag eine Pressekonferenz in Bonn und flogen postwendend zurück nach Warschau. In Polen stand noch der Auschwitz-Besuch auf dem Programm. In Deutschland bröckelte indes der SED-Staat.

Wäre diese Entwicklung ohne die demokratische, aufständische Wühlarbeit der polnischen Solidarno?? möglich gewesen? International haben die Patenschaft für den ideologischen Epochenbruch ja schon viele beansprucht: Die angelsächsischen Neokonservativen, voran Reagan und Thatcher, für ihre Rüstungspolitik, an der die Sowjets irgendwie kaputt gegangen seien; die sozialliberalen deutschen Entspannungspolitiker für ihre Strategie der Einbindung und Aufweichung (Helsinki-Prozess), von denen die Demokratiebewegungen im Osten ermutigt worden seien, kombiniert mit ihrer Politik der Raketennachrüstung, die das Gleichgewicht des Schreckens gewahrt habe; die exkommunistischen "neuen Philosophen“, die ihre einstigen Gesinnungsgenossen in Ost und West ideologisch das Gruseln gelehrt hatten; die westeuropäische Friedens- und Abrüstungsbewegung, weil sie die starren Strukturen zu beiden Seiten der Blockgrenzen unterminiert hätte.

Im dialektischen Zusammenspiel hatten alle ihre Rolle. Wer wie viel Anteil am Ende der alten Gewissheit und am Einstieg in die neue Unsicherheit hatte, mag für Feinschmecker interessant sein, ist im Ergebnis aber unerheblich. Wichtig ist aber, dass gerade in Deutschland, dem größten Profiteur der Entwicklung, nicht vergessen wird, dass der Mut und die Risikobereitschaft unter den Nachbarn, vor allem in Polen, den Boden entscheidend vorbereitet hat. Die Kronzeugen Kohl und Genscher würden das bestätigen. Und Egon Bahr weiß es auch.

Es wird noch genug Gelegenheiten geben, die Schlüsselfiguren der Vergangenheit zu hören. Ohne dass Regisseure des öffentlich-rechtlichen Unterhaltungszirkus eilfertig zu den diversen Zaunkönigen der Gegenwart umschalten. Weil die so spannend sind.

ZEIT ONLINE

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