Deutsche Geisel kommt frei : Die afghanische Lösung

Rudolf B. kam offenbar frei, weil die örtlichen Behörden die Entführer unter Druck setzen konnten. Man hatte es nicht mit Hardcore-Taliban zu tun, wie in manchen Medienberichten gemutmaßt wurde, sondern mit Kriminellen mit religiösem Anstrich.

Frank Jansen

Berlin - Bis zuletzt wurde gezittert. „Ich kann erst jubeln, wenn er wirklich in deutschen Händen ist“, sagte am Mittwochnachmittag ein Sicherheitsexperte, als die Freilassung von Rudolf B. gemeldet wurde. Der 62-jährige Ingenieur war ja schon einmal fast frei, Ende September. Dann gerieten die Entführer in Panik, sie könnten von afghanischen Geheimdienstlern verhaftet und nach Landessitte verhört werden. Der deutsche Ingenieur wurde in einem Geländewagen festgehalten, außerdem verschleppten die Geiselnehmer die Mitarbeiter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, die B. abholen sollten.

Doch am Mittwoch lief es anders: Afghanische Mittelsmänner brachten Rudolf B. aus dem Versteck der Entführer zu einem Stützpunkt der Sicherheitskräfte im Bezirk Jaghato in der Provinz Wardak, etwa 250 Kilometer südwestlich von Kabul. Außerdem kamen fünf Afghanen frei, die mit B. am 18. Juli verschleppt worden waren. Das Drama war nach 84 Tagen vorbei.
      
In dem Stützpunkt hätten auch Beamte des Bundeskriminalamts auf B. gewartet, hieß es im Umfeld der Bundesregierung. Als B. ankam, konnte er die deutsche Botschaft in Kabul anrufen und mitteilen, dass es ihm einigermaßen gut gehe. Die BKA-Beamten sollten dann mit B. in Geländewagen in die zwei Stunden entfernte afghanische Hauptstadt fahren. „Hoffentlich fahren sie nicht auf eine Mine“, betete ein deutscher Sicherheitsexperte. Der Fall des entführten B. hat auch die Nerven der Fachleute in Krisenstab und Behörden extrem strapaziert.

Dabei hatte man es nicht mit Hardcore-Taliban zu tun, wie in manchen Medienberichten gemutmaßt wurde. Die Entführer seien „Kriminelle mit religiösem Anstrich“, hieß es in Sicherheitskreisen. Schon rasch war zu spüren, dass keine Terrorprofis Rudolf B. in ihrer Gewalt hatten. Die Entführer verlangten zunächst, die deutsche Regierung müsse die Bundeswehr aus Afghanistan abziehen. Als die Geiselnehmer begriffen, dass diese Forderung ins Leere ging, wurden die Ansprüche auf das Wesentliche reduziert: Lösegeld und, später dann, die Freilassung krimineller Freunde.

So scheint der letzte Akt des Dramas kaum vom Feilschen in einem Basar zu unterscheiden sein. Als sich die Verhandlungen hinzogen und die Übergabe Ende September scheiterte, handelten die afghanischen Sicherheitsbehörden offenbar wie so oft: Sie nahmen Freunde der Geiselnehmer fest. Nun war eine „afghanische Lösung“ möglich. Mit dem Faustpfand ließ sich der Druck auf die Geiselnehmer erhöhen, die einem Deal zustimmten: Ihre inhaftierten Freunde kamen am Mittwoch frei, außerdem soll Lösegeld geflossen sein, angeblich deutlich weniger als eine Million Dollar.

Die Bundesregierung muss sich dennoch offenbar nicht die Vorwürfe machen lassen, die im März nach der Freilassung des italienischen Reporters Daniele Mastrogiacomo laut wurden. Er kam im Austausch gegen Kämpfer der Taliban frei, die sich prompt wieder in den Heiligen Krieg begaben. Bei den aus dem Gefängnis geholten Freunden der Entführer von Rudolf B. ist es eher unwahrscheinlich, dass sie umgehend einen Selbstmordanschlag auf die Bundeswehr planen.

Für einen Deutschen kam die afghanische Lösung zu spät. Der mit Rudolf B. verschleppte Geschäftsmann Rüdiger D. wurde von den Entführern erschossen, als er entkräftet in den afghanischen Bergen zusammenbrach. Auch wenn die Geiselnehmer nur wenig mit dem Terror der Taliban zu tun haben, zum Mord an einem Wehrlosen reichte es allemal.    

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