Deutsche Geisel : Rudolf Blechschmidt ist frei

Drei Monate wurde Rudolf Blechschmidt in Afghanistan festgehalten. Am Nachmittag kam der Bauingenieur und seine Begleiter frei. Außenminister Steinmeier zeigte sich erleichtert: "Wir sind froh".

Can Merey[dpa]
Rudolf B.
Nach über drei Monaten wieder in Freiheit: Rudolf B. -Foto: dpa

Neu Delhi/KabulNach 85 Tagen Geiselhaft ist der Alptraum für den in Afghanistan verschleppten deutschen Bauingenieur zu Ende: Den Krisenstäben in Kabul und Berlin gelang nach schwierigen Verhandlungen mit den Geiselnehmern der Durchbruch. Rudolf Blechschmidt und fünf Afghanen sind frei. Der Bauingenieur ist am Abend sicher in der deutschen Botschaft in Kabul eingetroffen. Wie aus Sicherheitskreisen verlautete, werde der 62-Jährige zunächst medizinisch untersucht. Den Angaben zufolge geht es ihm nach fast dreimonatiger Gefangenschaft gesundheitlich "überraschend" gut. Er habe mit seiner Familie telefoniert und werde die Nacht in der Botschaft verbringen, hieß es weiter. Jeden Kontakt zur Öffentlichkeit lehnte Blechschmidt ab.

Die bislang am längsten dauernde Entführung eines Ausländers in Afghanistan

Überschattet wird der glückliche Ausgang für den deutschen Ingenieur durch Trauer um die zweite deutsche Geisel: Rüdiger D. konnte nicht gerettet werden. Die Geiselkrise, die am 18. Juli begann, entwickelte sich in ihrem Verlauf immer mehr zur Katastrophe. Zunächst wurde der Familienvater Rüdiger D. kaltblütig erschossen, nachdem er auf dem Gewaltmarsch zu dem auf 3000 Meter Höhe gelegenen Versteck zusammengebrochen war. Mehrmals schienen die Krisenstäbe kurz vor einem Durchbruch zu stehen, doch immer wieder wurden die Hoffnungen enttäuscht. In greifbarer Nähe war das Ende der Geiselkrise Ende September. Nur noch 800 Meter trennten Blechschmidt und die afghanischen Mitgefangenen vom Übergabepunkt in der zentralen Provinz Wardak. Dann drehte der Konvoi aus Kidnappern, Geiseln und vier Rot-Kreuz- Helfern wieder ab.

Erste Übergabe war gescheitert

Die Übergabe scheiterte aus unbekannten Gründen. Dem nicht genug: Die Rot-Kreuz-Helfer - ein Mazedonier, ein Birmane und zwei Afghanen - wurden auf dem Rückweg nach Kabul selber entführt. Die Taliban ließen die Männer drei Tage später unversehrt frei und teilten mit, es habe sich um ein "Missverständnis" gehandelt. Der deutsche Ingenieur blieb in der Hand seiner Entführer. Dabei waren die beiden Deutschen ursprünglich nach allen Erkenntnissen gar nicht Ziel der Entführung, sondern wohl in falscher Begleitung zur falschen Zeit am falschen Ort.

Die Geiselnahme war offenbar auf einen Stammeskonflikt und Geld zurückzuführen und soll dem Bauunternehmer Ishaq Nursai gegolten haben. Er ist der Bruder des Vizepräsidenten des afghanischen Parlaments und Mitglied einer mächtigen Familie. Nursais Clan soll Druck auf die Geiselnehmer ausgeübt haben. Jedenfalls kam der Afghane wenige Tage nach Beginn der Geiselnahme wieder frei. Den anderen Verschleppten stand da noch ein langer Leidensweg bevor. Nicht nur der Tod des Freundes dürfte Rudolf Blechschmidt schwer belastet haben.

Angst um das eigene Leben

In den Wochen des Wartens war die Angst ums eigene Leben ständiger Begleiter. Im Gebirge machte dem an Bluthochdruck leidenden 62-Jährigen die Kälte zu schaffen. Die Geiselnehmer zwangen ihn vor die Kamera, um den Druck auf die Bundesregierung zu erhöhen. Umringt von vermummten Männern, die ihre Waffen auf ihn gerichtet hielten, musste er um einen Truppenabzug der Bundeswehr flehen. Zuletzt war am Montag ein Video mit ihm aufgetaucht.

Die Bundesregierung hat mit Sicherheit keinen Abzug der mehr als 3000 deutschen Soldaten in Aussicht gestellt. Dass die Geisel trotzdem freikam, deutet darauf hin, dass es den Entführern tatsächlich um ganz andere Ziele ging. Vermutlich spielte eher Geld als Politik eine Rolle. Wiederholt hieß es aus zuverlässigen Quellen, verantwortlich sei eine örtliche Taliban-Gruppierung mit kriminellem Hintergrund. Sie soll nur lose Verbindungen zu Mullah Omars straff organisierter Truppe unterhalten und nicht unter der Befehlsgewalt des Taliban-Führungsrates stehen.

Geisel gegen Truppenabzug

Die Taliban von Mullah Omar versuchten trotzdem, die Geiselnahme zu instrumentalisieren. Taliban-Sprecher Kari Jussif Ahmadi hatte kurz nach Beginn der Entführung Grauen mit der Äußerung verbreitet, die Rebellen hätten die beiden Deutschen getötet, weil die Bundesregierung nicht über einen Truppenabzug verhandeln wolle. Nicht nur diese, auch andere Äußerungen Ahmadis im Falle der deutschen Geiseln sollten sich später als unwahr herausstellen. Experten befürchten, dass in Afghanistan Entführungen und Erpressungsversuche eher zunehmen könnten.

Die Strategie hat sich als lukrativ erwiesen: Bei der Befreiung von 21 südkoreanischen Geiseln soll die Regierung in Seoul Millionen Dollar an die Taliban gezahlt haben. Noch während der Geiselkrise rief der "Militärchef" der Taliban zur Entführung weiterer Ausländer in Afghanistan auf. "Natürlich sind Geiselnahmen eine sehr erfolgreiche Politik", sagte Mansur Dadullah in einem Interview. Er weiß, wovon er spricht. Mansur Dadullah wurde von den Taliban im vergangenen März aus afghanischer Haft freigepresst - im Austausch gegen eine italienische Geisel. (mit dpa)

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