Politik : Deutsche Glosse ärgert Polens Präsidenten

Thomas Roser

Warschau - Eine plötzliche „Unpässlichkeit“ ließ Polens Präsident Lech Kaczysnki am Sonntag abend seine Reise zum Weimarer Dreier-Gipfel mit seinem französischen Amtskollegen Jacques Chirac und Bundeskanzlerin Angela Merkel kurzfristig absagen. Verdauungsprobleme hätten ihm zu schaffen gemacht, sagten seine Sprecher – und dementierten, dass die Absage politische Gründe habe. Krankheiten hatten Polens Staatsoberhaupt in seiner kurzen Amtszeit schon oft ereilt. Doch außer einer empfindlicher Gesundheit hat der 57–Jährige auch ein zartes Gemüt: Die heimische Presse schloss am Dienstag nicht mehr aus, dass ein Schmäh-Artikel der Berliner „Tageszeitung“ dem Präsidenten auf den Magen geschlagen habe.

Als „Polens neue Kartoffel“ und Vertreter jener Generation, „die bereits vor der Geburt von den Deutschen gebissen wurde“, hatte das Blatt den nationalkonservativen Landesvater satirisch gewürdigt. Eine übersetzte Zusammenfassung sandte die Presseabteilung der Polnischen Botschaft in Berlin pflichtbewusst dem Außenministerium in Warschau. Dort landete der Text auf der Internet-Seite mit der internationalen Presseschau. Erst jetzt wurde der Präsident der boshaften Anmerkungen zu seinem kleinen Wuchs gewahr. Seine Empörung bekam zunächst der Chef des Infodienstes zu spüren: Weil der Text auf einer Ministeriums-Website erschienen war, hatte Ex-Ministeriumssprecher Pawel Dobrowolski fristlos seinen Posten zu räumen.

Die taz-„Kartoffel“ ist von der Website getilgt, doch der präsidiale Ingrimm hat sich nicht gelegt. Kaczynski habe sich über den „beleidigenden“ Text „unheimlich geärgert“, sagt sein Sprecher Andrzej Krwaczyk. Man werde nun die Reaktion in Deutschland beobachten: „Jemand sollte sich von diesem Text distanzieren.“ Auch Polens Ministerpräsident Kazimierz Marcinkiewicz nannte die Glosse verletzend. Es sei „schwer vorstellbar, dass sich jemand in Polen einen solchen Artikel über den Präsidenten eines anderen Staates erlaubt“, sagte er. Außenministerin Anna Fotyga nannte es „beunruhigend und sehr enttäuschend, dass eine Reaktion der deutschen Behörden auf den Artikel völlig ausgeblieben sei.

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