Deutsche Identität : Bitte mehr Geld und bloß keine Romantik!

Europa mag die Deutschen nach dem Debakel mit Griechenland nicht mehr. Und die Deutschen, die lieben nur ihr Geld. Ein Kommentar

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Money, money, money, must be funny in a German world.
Money, money, money, must be funny in a German world.Foto: Jens Büttner/dpa

Die Deutschen gelten als Sinnsucher. Zumindest bei der Suche nach einer nationalen Identität sind die Deutschen in den aufregenden vergangenen Wochen ein Stück weiter gekommen. Vorerst ist die Frage nach dem wichtigsten nationalen Symbol geklärt: Nichts ist uns derzeit so nah wie das Geld. Und auf nichts sind wir so stolz wie auf die brummende deutsche Wirtschaft.

Zunächst einmal ist Schluss mit dem ganzen Europa-Romantik-Gesummse, dem post-weltkriegsgefühligen Gruppenkuscheln. In der Griechenlandkrise gewinnt ein anderes deutsches Nachkriegsnarrativ wieder an Bedeutung, die Erzählung vom Wirtschaftswunderland.

Die Deutschen haben die Europa-Romantik satt. Was zählt, ist die deutsche Börse

Ungeachtet der Tatsache, dass Deutschland wie kein anderes Land wirtschaftlich von Europa profitiert hat (und noch davon profitiert), geht das Gefühl um, die Griechen wollten uns ans Portemonnaie. Rund die Hälfte will deshalb nun den Grexit, sagt eine Umfrage von „Yougov“ im Auftrag des Springer-Verlags. Die könnten doch auch, da unten im Süden, wenn die nur wollten! Wir haben uns ja auch. Aus den Trümmern! Hochgearbeitet!

Merkel hat den deutschen Wohlstand fest im Blick. Sie weiß, dass es den Deutschen gut geht – und dass sie sich gerade deshalb so wild im Status quo verbissen haben. Sie weiß um die Bedeutung der Europäischen Union für diesen Wohlstand. Sie stellt sich aus denselben Gründen gegen den Grexit, gegen Schäuble, aus der die deutschen Geldpatrioten ihn lieben.

Schluss auch mit der historischen Last eines besonders engen Verhältnisses zu Israel. Kaum sind die Verhandlungen mit dem Iran abgeschlossen und ein Ende der Sanktionen absehbar, steigt der Wirtschaftsminister mit einer Wirtschaftsdelegation in einen Flieger nach Teheran. Der Außenminister ist da gerade erst aus Kuba zurückgekehrt – wo ebenfalls jüngst eine wirtschaftliche Tür einen Spaltbreit aufgegangen ist. Wäre doch schade, da keinen deutschen Fuß reinzubekommen (Fußnote: Auf Treffen mit Dissidenten hat der Außenminister verzichtet).

Die deutsche Wirtschaft wird zum deutschen Nationalsymbol. Wer braucht da noch Ideale?

Schluss auch mit der Asylromantik. Hilfe für Flüchtlinge? Nur so lange das Geld reicht, oder, um es mit der Kanzlerin zu sagen: „Wir werden nicht alle aufnehmen können.“

Schluss auch mit der Bürgerrechtsromantik. Sigmar Gabriel brachte bei seinem jüngsten Besuch in China immerhin noch das Wort „Freiheit“ über die Lippen. Doch die unglückliche Koinzidenz des Staatsbesuchs des ägyptischen Machthabers (inklusive Milliarden-Deal für Siemens) und der Festnahme des kritischen Journalisten Ahmed Mansour in Tegel schmeckt weiterhin bitter.

In ihrer Prioritätensetzung waren sich Regierung und Bevölkerung wohl nie so einig. Geld ist der Kern des deutschen Patriotismus. Und Geld ist das Primat der deutschen Politik.

Jetzt wundern sich die Deutschen wieder einmal darüber, dass die anderen Völker Europas schlecht über sie denken. Das Problem ist aber weniger, dass die anderen uns nicht mögen, sondern, dass es dem Geldpatrioten auch schwerfällt, sich selbst zu lieben. Der Patriotismus des Geldes reicht für Selbstrespekt. Für Selbstliebe aber braucht es mehr: Ideale.

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