Politik : Deutsche schlucken weniger Pillen

Kassen sparen mehrere hundert Millionen Euro Gesundheitsministerin erwartet Beitragssenkungen

Cordula Eubel,Lutz Haverkamp

Berlin - Die gesetzlichen Krankenkassen haben im April deutlich weniger Geld für Medikamente ausgegeben als noch vor einem Jahr. Die Ausgaben lagen mit 229 Millionen Euro rund zwölf Prozent unter dem Niveau vom April 2003, teilte die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) am Freitag mit. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) begrüßte die Entwicklung: „Die Gesundheitsreform wirkt. Sie hat Bewegung ins seit Jahren verkrustete Gesundheitssystem gebracht“, sagte die SPD-Politikerin dem Tagesspiegel.

Der Trend des ersten Quartals setzt sich damit fort: In den ersten vier Monaten sanken die Ausgaben für Arzneimittel um insgesamt 1,1 Milliarden Euro oder 15 Prozent. Das sei der größte Ausgabenrückgang, der jemals in der Geschichte der gesetzlichen Krankenversicherung erreicht wurde, sagte am Freitag in Berlin eine Sprecherin des Bundessozialministeriums. Auch für das gesamte Jahr 2004 rechnen die Apotheker mit einem Rückgang von 15 Prozent.

„Die Erfolge der Gesundheitsreform zeigen sich auf vielfältige Weise“, sagte die Ministerin weiter. Neben den sinkenden Arzneimittelausgaben böten zahlreiche Krankenkassen inzwischen auch Bonusmodelle an. Außerdem hätten mehrere Krankenkassen Überschüsse für das erste Quartal gemeldet, sagte Schmidt. „Ich bin zuversichtlich, dass diese Entwicklung zu weiteren Beitragssenkungen führt. Davon profitieren Versicherte und Patienten, weil Gesundheit bezahlbar bleibt“, sagte die Ministerin.

Kritiker befürchten jedoch, dass der Einspareffekt nicht von Dauer sein könnte: Weil viele Versicherte sich im letzten Jahr noch mit Medikamenten eingedeckt hätten, würden die Ausgaben im Jahresverlauf wieder steigen. Mit der Gesundheitsreform werden rezeptfreie Medikamente nur dann von den Kassen bezahlt, wenn sie bei der Behandlung schwerwiegender Erkrankungen als Therapiestandard gelten. Durch die höhere Beteiligung der Patienten sollen AOK, Barmer und Co. rund eine Milliarde Euro in diesem Jahr sparen.

Nach Ansicht von ABDA-Hauptgeschäftsführer Rainer Braun ist noch nicht absehbar, wie sich der Anteil der Zuzahlungen demnächst entwickeln wird. Viele Patienten hätten offensichtlich im ersten Quartal ihre Belastungsgrenze erreicht und seien für den Rest des Jahres befreit. Gesetzlich Versicherte müssen im Jahr maximal zwei Prozent ihres Bruttoeinkommens an Zuzahlungen leisten.

Die AOK stellte für ihre Mitglieder noch in diesem Jahr oder zur Jahreswende sinkende Beiträge in Aussicht. Ein genauer Termin stehe aber noch nicht fest, hieß es beim AOK-Bundesverband. Im ersten Quartal erwirtschaftete die Kasse nach eigenen Angaben einen Überschuss von rund 370 Millionen Euro. Auch Barmer und DAK hatten kürzlich weitere Beitragssenkungen angekündigt. Von dem politisch angestrebten Ziel, die durchschnittlichen Beiträge auf 13,6 Prozent zu senken, sind die Kassen allerdings noch weit entfernt. Derzeit liegt der Schnitt bei etwa 14,2 Prozent.

Die Patientenbeauftragte der Bundesregierung zeigte sich zuversichtlich, dass viele Krankenkassen ihre Beiträge senken werden. „Alle Anzeichen bestätigen, dass Bewegung ins System gekommen ist“, sagte die SPD-Politikerin Helga Kühn-Mengel dem Tagesspiegel.

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