Politik : Deutsche Vizekanzler: Mal Koalitionsschmied, mal blasser Stellvertreter (Kommentar)

Norbert Seitz

Rot-grün scheint in Düsseldorf zu stehen. Bei aller sachlichen Widerborstigkeit des kleinen Koalitionspartners ist sicher: Mit einem eher zurückhaltenden Stellvertreter namens Michael Vesper lebt es sich besser als mit Möllemanns profilsüchtigen Mediencoups. Dem soliden Clement entgeht neben einem knallharten Wirtschaftspartner auch ein medialer Übervize, der ihm vermutlich pausenlos die Show gestohlen hätte.

Der Vize ist der Stellvertreter des Regierungschefs, der allenfalls im Krankheitsfall oder bei Zweitterminen ganz nach vorn darf. Er ist in der Regel ein Koalitionsschmied, im dramatischen Fall ein Königsmörder, aber nur selten - wie in den USA - der kommende Regent. Denn auch der Vize in Großen Koalitionen ist meist ein Sozialdemokrat in der Rolle des ewigen Juniorpartners.

Bislang ist es nur wenigen populären Vize gelungen, das Koalitionslabel mit ihrem Namen zu beliefern: Von den Regierungen Kohl-Genscher, Brandt-Scheel, Kühn-Weyer oder Börner-Karry war die gängige Rede. Aber von einer Regierung Simonis-Lütkes oder Teufel-Döring wird nicht einmal in der betreffenden Region gesprochen. Und in Berlin dürften die meisten wohl eher auf Herrn Landowsky als auf irgend einen erinnerlichen SPDler als Stellvertreter Eberhard Diepgens tippen.

Der freidemokratische Vize hat eine lange Tradition. Unter dem aktuellen FDP-Spitzenpersonal stehen einige Vize für höchst unterschiedliche landespolitische Prägungen: Rainer Brüderle war in elf Jahren Stellvertreter unter vier (!) rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten - Vogel und Wagner von der CDU wie Scharping und Beck von der SPD. Als Weinbauminister becherte er sich in die Publikumsgunst der Rebenregion. In Stuttgart dagegen hält sich Walter Döring an den Stil des in die Jahre gekommenen Erwin Teufel, möglichst wenig aufzufallen, und widerlegt damit die politische Binsenweisheit, dass ein Vize immer nur so stark sein könne, wie es sein Regierungschef zulasse. Wer aber erinnert sich noch an den liberalen Vize des ersten CDU-Ministerpräsidenten in Hessen Ende der 80er Jahre? Hieß er nicht Wolfgang Gerhardt? Richtig. Allerdings konnte er aus Wallmanns Baisse keinen Honig saugen.

Wie man die Chance eines eher blassen Regenten zu nutzen versteht, bewies erst Gerhardts Nachfolger Joschka Fischer unter Hans Eichel. Schon rasch nach dem Amtsantritt 1991 galt der grüne Shooting Star als die wahre Nr. 1 in Wiesbaden. Im Grunde ist Fischer der medienoptimierte Vize. Unter Börner war er das Regierungsevent, an Eichel zog er rasch vorbei und in der Publikumsgunst rangiert er vor Schröder - trotz Kosovokrieg und grünem Zwist.

In den Bonner Bundesregierungen gab es kaum einen Vize, der nicht mit seinem Chef in Konflikt geraten wäre. Adenauers gespanntes Verhältnis zu seinem Vize Erhard geriet zum Diadochen-Drama in der Union. Im innerparteilichen Richtungskampf der FDP in den 50er Jahren behielt Franz Blücher lieber seine Vizekanzlerschaft als sein Parteibuch. Weit kam er damit nicht. Während der Großen Koalition empfand Willy Brandt die Vizerolle unter Kiesinger mehr als Quälerei denn als Ansporn. Scheel verschaffte sich aus dieser Position - sehr zum Leidwesen seines Kanzlers - das Bundespräsidentenamt. Auch Genscher reizte die Vizerolle als Trendwender erschöpfend aus. Mit Kohl lieferte er sich heftige Platzhirschduelle um die Wiedervereinigungslorbeeren.

Wer aber erinnert sich noch an den Vizekanzler vom Mai 1992 bis zum Januar 1993? Dieser hieß Jürgen W. Möllemann, stolperte aber rasch über eine Chip-Affäre. Da gab es nicht viel zu profilieren. Seine Vizekanzlerschaft war nach Genschers Rücktritt eher eine Verlegenheitslösung als legitime Nachfolge eines treuen Zöglings. Danach degenerierten die Liberalen unter Kohls servilem Vize Kinkel zur Blockpartei des Kanzlers, der über seinen Koalitionspartner zu spotten pflegte, er sei ihm mit all seinen Launen so vertraut wie eine langjährige Ehefrau.

Fallschirm- und Seitensprünge wären dagegen unter einem Vize Möllemann - ob in Düsseldorf oder in Berlin - an der Tagesordnung. Denn in der Mediendemokratie werden die Karten täglich neu gemischt. Die Kunst der Performance hat schon so manche Hierarchie ins Wanken gebracht. An hohe Ämter werden hohe kommunikative Anforderungen gestellt. Übrigens, Möllemann machte einen Möllemann-Fan namens Stefan Grüll zu seinem Vize in der Düsseldorfer FDP-Fraktion. Dieser empfahl sich u.a. als früherer Karnevalsprinz von Bad Godesberg.

» Mehr Politik? Tagesspiegel lesen + 50 % sparen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar