Politik : Deutsche werden fremdenfeindlicher

Studie: Abneigung gegen Muslime bis in bürgerliche Schichten / Auch der Antisemitismus wächst

Martin Gehlen,Axel Vornbäumen

Berlin - In Deutschland wächst offenbar die Abneigung der Bürger gegen Ausländer. Für Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) steht in Deutschland deshalb eine „Bewährungsphase der Demokratie“ bevor. Thierse äußerte sich am Donnerstag in Berlin anlässlich der Präsentation einer Studie des Bielefelder Konfliktforschers Wilhelm Heitmeyer besorgt über die ansteigende Fremdenfeindlichkeit in einer Gesellschaft, in der wachsender Wohlstand nicht mehr verteilt werden könne.

Nach den jüngsten Forschungsergebnissen Heitmeyers ist die Fremdenfeindlichkeit mittlerweile in der Mitte der Gesellschaft angekommen: Der Antisemitismus nimmt zu, die Abneigung gegenüber dem Islam wächst. Der Wissenschaftler untersucht über einen Zeitraum von zehn Jahren rassistische, antisemitische oder islamophobe Einstellungen. Befragt werden dabei 3000 Personen.

Der Studie zufolge wächst in Deutschland die Abneigung gegenüber Juden und Muslimen. So stimmen über 68 Prozent der Aussage zu: „Ich ärgere mich darüber, dass den Deutschen auch heute noch die Verbrechen an den Juden vorgehalten werden“. 24 Prozent äußerten sich zustimmend zu dem Satz: „Muslimen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden“. Nach Heitmeyers Auffassung ist die Ausgrenzung von Minderheiten gängiges Gedankengut der Mehrheitsgesellschaft geworden.

Gleichzeitig wird Deutschland als Ausbildungsort für qualifizierte junge Leute aus islamischen Ländern immer beliebter. Trotz der seit dem Terror vom 11. September 2001 sehr restriktiven und von arabischer Seite als demütigend empfundenen Visapraxis deutscher Konsulate gibt es heute mehr arabische Studenten in Deutschland als je zuvor. Insgesamt 25 000 sind immatrikuliert – und zwar überwiegend in technischen und naturwissenschaftlichen Fächern, erklärte Helmut Blumbach, Abteilungsleiter beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD), am Donnerstag. Blumbach erinnerte daran, dass diese Absolventen – wenn sie in ihrer Heimat in Führungspositionen aufgerückt seien – vorzugsweise deutsche Firmen ins Land holen und mit Projekten beauftragen würden. E räumte ein, dass dem DAAD die Visaprobleme „schmerzlich bewusst“ seien. Arabern werde von deutscher Seite „ziemlich viel zugemutet“.

Die in der Arabischen Liga zusammengeschlossen Staaten des Nahen Osten wollen in Berlin ein Kulturzentrum errichten. Das kündigte der Generalsekretär der Organisation, Amr Moussa, während der „Tage der Arabischen Welt“ im Bundestag an. Europa und die arabische Welt seien Nachbarn, und das geplante Zentrum könne „Brücken bauen zwischen beiden Seiten des Mittelmeers.“

In der Debatte über die Ausländerintegration haben sich SPD und Union am Donnerstag im Bundestag einen heftigen Schlagabtausch geliefert. SPD-Fraktionschef Franz Müntefering warf der Unionsfraktion vor, sie habe nur nach einem Wahlkampfthema gesucht. Die Union nannte ihren Begriff der Leitkultur einen „werteorientierten Konsens“.

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