Politik : Deutsche wünschen sich zu Weihnachten Harmonie

Kirchen betonen den christlichen Charakter des Festes / Rau: Um Einfluss zu behalten, müssen Organisationen sich verjüngen

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Berlin (dpa). Fast alle Deutschen (91 Prozent) sehnen sich an Weihnachten vor allem nach familiärer Harmonie. Nur fünf Prozent verbinden mit dem „Fest der Liebe“ auch Streit mit Angehörigen. Das ergab eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Polis im Auftrag der Deutschen Presse Agentur. Vertreter der Kirchen betonten, Weihnachten sei nach wie vor ein wichtiges christliches Fest, das trotz aller Kommerzialisierung seine Bedeutung nicht verlieren werde.

Auf die Frage, was für sie persönlich zum Weihnachtsfest gehört, nannten 84 Prozent der Befragten den geschmückten Tannenbaum in der Wohnung. Jeder Zweite will festliche Atmosphäre in der Kirche erleben. Dabei ist der Weihnachtsgottesdienst im Westen deutlich populärer (56 Prozent) als in Ostdeutschland (31 Prozent). Schenken gehört für 82 Prozent unbedingt zu Weihnachten. Für viele gilt aber offenbar das Bibelwort „Geben ist seliger denn nehmen“: Nur knapp zwei Drittel der Befragten rechnen damit, selbst beschenkt zu werden. Die romantische Vorstellung einer weißen Weihnacht haben 70 Prozent, obwohl das Wetter nur selten diesen Wunsch erfüllt. Auch Ruhe und Erholung (84 Prozent) sowie Zeit für Besinnlichkeit (83 Prozent) sind den meisten zu Weihnachten besonders wichtig.

„Menschen sehnen sich gerade nach den leisen Tönen des Weihnachtsfestes“, sagte Manfred Kock, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). „Wer die Zahlen der Gottesdienstbesucher von Heiligabend bis zum zweiten Feiertag genauer ansieht, wird erkennen, dass Weihnachten trotz vieler Traditionsabbrüche noch eine ungebrochene Kraft ausstrahlt.“ Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Kardinal Karl Lehmann ist zuversichtlich, dass das Fest seinen christlichen Charakter behaupten wird. „Gewiss gehen weniger Leute in die Gottesdienste. Aber auch in diesem Jahr werden die Kirchen bestimmt voll sein. Weihnachten ist und bleibt ein christlich motiviertes und getragenes Fest.“

Aus der Sicht der evangelischen Landesbischöfin Margot Käßmann hat sich Weihnachten jedoch zunehmend zu einem sinnentleerten, „kuscheligen“ Familienfest entwickelt. „Aber Weihnachten hat natürlich mit Gefühlsduseligkeit gar nichts zu tun“, sagte Käßmann. Die Menschen sollten sich mehr auf den Ursprung des Festes besinnen. „Sonst ist es ja nur ein Winter-Familienfest“, kritisierte die Bischöfin der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover. Es sei dramatisch, dass nach einer Umfrage 39 Prozent der Sechs- bis Zwölfjährigen den Grund des Festes nicht kennen, sagte Käßmann.

Bundespräsident Johannes Rau warnte vor einer schwindenden Bedeutung von Parteien, Gewerkschaften und Kirchen als Folge ihrer Überalterung. Der 71-Jährige sagte „Bild am Sonntag“, die Entwicklung, dass immer mehr junge Menschen mit Parteien nichts mehr anfangen könnten, sei umkehrbar. „Aber die Parteien, die Gewerkschaften, die Verbände, die Vereine und die Kirchen haben noch keine Strukturen entwickelt, in denen ein thematisch und zeitlich befristetes Engagement möglich ist“, kritisierte Rau. „Ich weiß auch nicht, wie man das macht“, sagte er. „Doch wenn das nicht gelingt, werden Kirchen, Gewerkschaften und Parteien ihre Lebenskraft verlieren. Das hätte zur Folge, dass Medien und große Unternehmen allein die Entscheidungen treffen. Noch ist es nicht so weit, aber ich sehe die Gefahr.“

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