Deutsche ziehen in den Dschihad : "Felix war nie besonders charakterstark"

Er ist zum Islam konvertiert, hat sich einen langen Bart wachsen lassen. Weihnachten ist er in die Türkei zu einem religiösen Seminar gefahren. Ob er zurückkommt?, fragt sich seine Mutter. Oder zieht er weiter nach Syrien – in den „Heiligen Krieg“? Die Geschichte eines verlorenen Sohnes.

von
Salafisten beten auf dem Potsdamer Platz in Berlin und verteilen den Koran.
Werbeaktion. Salafisten beten auf dem Potsdamer Platz in Berlin und verteilen den Koran.Foto: picture alliance / dpa

Wie sie ihn einschätzten, fragt die Mutter die Männer, die sie immer wieder besuchen. Sie erkundigt sich nach ihrem ältesten Sohn. Einer der Männer ist Kriminalpolizist in der benachbarten Kreisstadt, Abteilung Staatsschutz. Er hat den Sohn observiert. Der zweite Mann arbeitet beim Verfassungsschutz in der Landeshauptstadt, er kennt ihn aus Akten. Alle paar Monate kommt der eine oder der andere zu der Familie raus aufs norddeutsche Land gefahren. Neulich, berichtet die Mutter, habe der Verfassungsschützer zur ihr gesagt, er traue dem Sohn durchaus zu, dass er in den Heiligen Krieg ziehe. Was sie tun könne, um ihn davon abzuhalten, wollte sie vom Polizisten beim Staatsschutz wissen. Der meinte lakonisch: Da helfe nur noch beten, „aber zum richtigen Gott“.

Der Sohn ist 27, Student

Die Mutter lacht. Sie ist eine zierliche Frau Mitte 50 mit langen, schwarz gefärbten Haaren und großen goldenen Ohrringen. Ihr Lachen ist laut, die Stimme dunkel. Es ist nicht so, dass sie den Kontakt zum Sohn verloren hätte. Er ruft sie täglich an. Und alle zwei Wochen kommt er sie zusammen mit seiner Frau und den beiden Enkelinnen besuchen. Die Mutter bittet, sie und ihre Familienangehörigen mit falschen Namen zu versehen, damit der Sohn, von dem sie zwar versichert, dass er sich „null“ für das politische Tagesgeschehen interessiere, seinen Namen nicht zufällig doch irgendwo lese. Sie soll hier Sabine M. heißen, ihr Sohn Felix. Er ist 27, Student.

Das Haus der Familie M. liegt einsam inmitten sumpfiger Wiesen. Es ist der Sonntag vor Weihnachten. In der kleinen Wohnstube brennen Kerzen auf dem Adventskranz. Auf dem CD-Player sitzt ein Plüsch-Nikolaus. Weihnachten, sagt Sabine M., würden sie ohne den Sohn feiern. Das sind sie inzwischen gewohnt. Vor vier Jahren habe der Sohn erklärt, dass er in Ägypten anrufen müsse, um zu erfragen, ob er mitfeiern dürfe. „In Ägypten!“, sagt Sabine M. und lacht wieder, „wir konnten’s nicht fassen.“ Sie gibt sich munter, will keinesfalls wehleidig wirken. Felix ist damals nicht gekommen. Im Jahr drauf sagte er ab, weil er einen Vortrag hören wollte, den Zeitungen mit „Heiliger Krieg am Heiligen Abend“ betitelten. Diesmal fliegt er am Heiligen Abend in die Türkei. Er sagt, er besuche dort für eine Woche ein Islamseminar.

Er sagt: Du bist ein Angsthase!

Durch die Türkei verläuft die Route für ausländische Kämpfer in den syrischen Bürgerkrieg. Sabine M. sagt, dass sie „wahnsinnig schlechte Laune“ bekomme, wenn sie daran denke. Bei einem der vielen Telefonate habe sie ihrem Sohn erzählt, was sie umtreibe. Der antwortete: „Du bist ein kleiner Angsthase.“

Deutsche, die in den Dschihad ziehen. Davon ist seit dem Afghanistankrieg zu lesen. Damals waren es Einzelne. Mittlerweile sei „ein stetiger Strom“ in Richtung Syrien entstanden, wie es Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen ausdrückt. Maaßen macht das „Sorgen“. Seine Behörde weiß von ungefähr 240 Personen, die nach Syrien gegangen sind, darunter 24 Berliner. Etwa die Hälfte davon ist im vergangenen Jahr aufgebrochen. Die Dunkelziffer ist angeblich weit höher. Eine seltsame Ungleichzeitigkeit: Syrien verschwindet mehr und mehr aus dem Fokus der Öffentlichkeit, sogar die Empörung über den Einsatz von Giftgas verebbt langsam, dagegen steigt die Zahl der Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus Deutschland, die gegen das Assad-Regime kämpfen wollen.

47 Kommentare

Neuester Kommentar