Politik : Deutscher Geist und Judenhass: Judenliebe, Judenhass

Iring Fetscher

Judenfeindliche Äußerungen sind wohl allgemein nur von Fichte bekannt. Dass selbst Kant in seiner "Anthropologie" anmerkt "die unter uns lebenden Palästiner sind durch ihren Wuchergeist in den nicht unbegründeten Ruf des Betruges gekommen", war vermutlich bisher nur notorischen Antisemiten bekannt, die solche Sätze gern zum Beweis ihrer Auffassungen zitieren. Dabei war Kant von Moses Mendelssohns aufgeklärter Religionsauffassung anfangs begeistert und hatte Wert darauf gelegt, den jüdischen Arzt Markus Herz 1770 als Respondenten für seinen Habilationsvortrag zu gewinnen.

Bis auf Kant und Marx haben alle von Micha Brumlik untersuchten Autoren evangelische Theologie studiert und sind lebenslang davon geprägt geblieben. Eine der möglichen Erklärungen für judenkritische Aspekte bei diesen aufgeklärten Denkern findet Brumlik in deren Befangenheit hinsichtlich einer entschiedenen Hinwendung zum Deismus und zur laizistischen Auffassung des Staates. Bei Kant ist seine Vorsicht - nachdem er wegen seiner Religionsschrift amtlich gerügt worden war - umso begreiflicher. Die Kritik am "statutarischen" Charakter der jüdischen Gottesauffassung kann als eine Art Ersatz für die nicht gewagte Kritik an der lutherischen Orthodoxie angesehen werden. Das genügt aber nicht, um Entgleisungen wie in der Fußnote zu seiner Anthropologie zu erklären.

Fichtes vehemente Ablehnung der Erteilung der Bürgerrechte an Juden geht auf deren Kennzeichnung als "Staat im Staate" zurück. Sie erscheinen Fichte wie Adel und Militär als Gemeinschaften, die sich der allgemeinen Souveränität entziehen. Im republikanischen Staat aber dürfe es derartige Sondergruppierungen nicht geben. Für die Freimaurer macht er allerdings eine Ausnahme, da sie von ihm als eine Art demokratischer Avantgarde angesehen werden. Im Unterschied zu Kant hatte Fichte kaum Freunde unter jüdischen Zeitgenossen, obgleich Rahel Levin (Varnhagen) ihm große Bewunderung entgegenbrachte. Im Übrigen trat Fichte für die Wahrung der Menschenrechte der Juden ein und wandte sich - wie später auch Hegel - entschieden gegen den Antisemitismus deutschtümelnder Berliner Studenten.

Schleiermacher fällt ein wenig aus dem Rahmen der übrigen "deutschen Idealisten". Bei ihm kommt die innige Geistesfreundschaft für Henriette Herz mit einer missionarischen Bemühung um die Konversation der Jüdin zusammen, die ihm erst gelingt, nachdem er eine andere - christliche - Henriette geheiratet hat. Dieser damals populäre Theologe, dessen Apostrophierung der Religion als Gefühl der Abhängigkeit kaum den aufgeklärten Auffassungen von Kant, Fichte und Hegel gerecht wurde, muss hier ebenso übergangen werden wie Schelling, der in seiner späten religionsphilosophischen und Mythen frommen Entwicklung keine antisemitische Tendenzen kannte.

Interessanter ist der "Fall Hegel", der im Unterschied zu Kant sich von einer kritischen Haltung gegenüber der alttestamentarischen jüdischen Gottesvorstellung zu einem toleranten Konzept entwickelt. Kant zeigt erst in seinen Spätwerken judenfeindliche Äußerungen, Hegel geht in seinen erst 1905 posthum veröffentlichten Jugendschriften von einer durch das Ideal der antiken Polis und ihrer "Volksreligion" bestimmten Kritik an der den Deutschen "fremden Positivität der jüdischen Religion" aus und überwindet in der Phänomenologie des Geistes (1806) und in seinen Vorlesungen zur Philosophie der Religion seiner abwertende Haltung gegenüber der jüdischen Gottesvorstellung. Was Kant "statutarisch" genannt hatte, ist bei Hegel eine autoritäre Auffassung von Gott, dem gegenüber der Mensch passiver Knecht bleibt.

Dass der aus pragmatischen Gründen getaufte Jude Karl Marx antisemitische Formulierungen gebraucht, mag viele doch überraschen, sie stellen jedoch eine Anpassung an vulgäre Vorurteile seiner Umwelt dar. In seiner Schrift "Zur Judenfrage" geht es im Grunde um die Widerlegung der Forderung Bruno Bauers, die Juden müßten, um Staatsbürgerrechte erwerben zu können, Christen werden. Diese Forderung erscheint Marx als Ausdruck preußisch-deutscher politischer Rückständigkeit. Im entwickelten politischen Staat spielen Religion und Konfession keine Rolle. Das heißt aber andererseits, dass die Menschen damit gerade nicht "emanzipiert" sind. Wirklich emanzipiert wären sie erst, wenn sie aufgehört hätten, religiöses Bewusstsein zu haben. Das aber wird erst in einer anderen Gesellschaft der Fall sein, die nicht mehr "falsche religiöse Bewusstsein" produziert.

Auch wenn Micha Brumlik Karl Marx vom Verdacht plumper antisemitischer Auffassungen entlasten kann, bleiben seine herabsetzenden Formulierungen letztlich unerklärlich. Wenn die christliche wie die jüdische Religion nur Ausdrücke des entfremdeten Lebensprozesses der kapitalistischen Gesellschaft sind, wieso ist dann nur der "Gott der Juden" der Schacher?

Micha Brumliks Panorama judenfeindlicher Auffassungen bei bedeutenden Denkern zu Beginn des 19. Jahrhunderts enthält eine Fülle von Anregungen für weiterführende Untersuchungen. Etwas resignierend kann man feststellen, dass sie judenfeindliche Positionen nur dann völlig hinter sich lassen konnten, wenn sie die Religion entweder spekulativ transzendierten oder durch eine höhere Gesellschaftsordnung absterben ließen, in der dann auch der Unterschied von Juden und Christen keine Rolle mehr spielt. Als wache Zeitgenossen haben Fichte wie Hegel immerhin die Gefahr eines beginnenden vulgären politischen Antisemitismus erkannt und sich ihm entgegenstellt.

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