Politik : Deutscher Orden: Kreuzfahrer mit Größenwahn

Rolf Linkenheil

Mit Stolz - Kritiker sagen auch mit Hochmut - tragen die Ritter ihr schwarzes Kreuz auf einem weißem Mantel. Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber ist Mitglied im Freundeskreis. 1998 zog der Deutsche Orden ins oberbayerische Weyarn. Jetzt ist er zahlungsunfähig.

Die 5500 Mitarbeiter eines der größten Wohlfahrtsverbände bekommen ihr Gehalt für Dezember nicht ausbezahlt. Mit Bangen blicken sie in die Zukunft, stellt sich doch das Schicksal der 120 Krankenhäuser, der Heime für behinderte und alte Menschen, der heilpädagogischen Heime für Kinder, der Suchthilfekliniken und der stationären Einrichtungen für Drogenabhängige höchst ungewiss dar. Die Zahl von 280 Millionen Mark Schulden wird zwar vom Orden nicht bestätigt, wohl aber die Zahlungsunfähigkeit.

Die Ankündigung, der Orden könne in absehbarer Zeit einen Millionenbetrag als Einnahme verbuchen, musste der Prior des Ordens, Gottfried Keindl, kleinlaut bei einem Gespräch mit Bayerns Sozialministerin Barbara Stamm und Vertretern der Gläubigerbanken zurücknehmen. Diese hatten zu verstehen gegeben, dass sie kein Vertrauen mehr in die Fähigkeiten der Führungsspitze besitzen. Aus Wien kam der Hochmeister des Ordens, Bruno Platter angereist, und gab bekannt: Prior Keindl und Geschäftsführer Werner Platter sind mit sofortiger Wirkung ihrer Ämter enthoben.

"Zu wenig Patienten, zu hohe Kosten" - so hatte Ordenssprecher Michael Graf die Zahlungsunfähigkeit begründet. Kritiker sind allerdings der Meinung, dass die Ordensleitung, die der Gemeinschaft aus ihrer Geschichte heraus selbst eine gewisse "Kreuzfahrermentalität" zuschreibt, unfähig ist, ein Unternehmen dieser Größenordnung zu führen. Auch von "Größenwahn" und einem luxuriösen Gebaren der Ordensoberen ist die Rede. Zwei Firmenflugzeuge mussten angeblich ebenso verkauft werden, wie ein Gestüt. Den Plan, eine eigene Hochschule in Augsburg zu errichten und das Zentralklinikum der schwäbischen Bezirkshauptstadt zu übernehmen, wollte der Freistaat Bayern nicht unterstützen. Er verweigerte einen geforderten Zuschuss von 150 Millionen Mark. Dreißig seiner 120 sozialen und karitativen Einrichtungen betreibt der Orden allein in Bayern.

1998 war der Orden von Frankfurt am Main ins ehemalige Chorherrnstift der Augustiner in Weyarn bei Miesbach umgezogen, der politischen Heimat von Ministerpräsident Edmund Stoiber. Der wurde Mitglied im Freundeskreis "Deutschherrenbund e.V." und darf sich als "Familiare" bezeichnen. Bei seinem Umzug nach Bayern erhielt der Orden den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts. Die Gemeinschaft war dadurch von der Körperschaftssteuer und der Gewerbesteuer befreit. Das erleichterte ihr den Kauf von Krankenhäusern oder Altenheimen, die als unrentabel galten, mit Hilfe von Bankkrediten. Von 1993 bis 1999 stieg der Umsatz von weniger als 50 auf nahezu 500 Millionen. Die Staatskanzlei bestreitet, dass es sich bei der Verleihung des Körperschaftsstatus um ein Entgegenkommen handelte.

Eine Mitverantwortung für das finanzielle Debakel des Ordens weist die Regierung in München weit von sich. Sie sei für eine Einrichtung, die nur dem Papst untersteht, nicht verantwortlich und besitze keinerlei Kontrollrechte. Deshalb könne sie bei Zahlungsunfähigkeit auch nicht in Ersatzhaftung genommen werden.

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