Politik : Deutschland bei Betreuung Mittelmaß

Untersuchung belegt aber deutliche Verbesserung.

Berlin/Düsseldorf - Die Betreuungsmöglichkeiten für Kleinkinder in Deutschland haben sich nach einer Studie deutlich verbessert, bleiben aber im europäischen Vergleich mittelmäßig. Nach der am Donnerstag veröffentlichten Untersuchung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler- Stiftung wurde 2010 jedes vierte Kind unter drei Jahren in einer Kita oder Vorschule betreut. Ein Jahr zuvor war es nur jedes fünfte Kind. Die Quote sei damit in einem Jahr genauso stark gestiegen wie zwischen 2005 und 2010 insgesamt. Im Europavergleich liegt die Bundesrepublik aber im Mittelfeld, wie es hieß. Spitzenreiter Dänemark kommt auf 74, die Niederlande auf 52, Frankreich und Luxemburg auf 44, Belgien auf 39 Prozent.

Die noch mäßige, aber positive Entwicklung in Deutschland könnte sich auch auf die wirtschaftliche Stabilität von Familien ausgewirkt haben: Eine in dieser Woche veröffentliche Studie des Münchner Ifo-Instituts hatte festgestellt, dass Mütter, die ihr unter dreijähriges Kind betreuen lassen, eine um etwa 35 Prozentpunkte höhere Wahrscheinlichkeit hatten, erwerbstätig zu sein. Sie verdienten etwa 570 Euro brutto im Monat mehr als Mütter, die ihr Kind nicht in einer öffentlichen Einrichtung betreuen ließen. Ähnliches gelte für Mütter älterer Kinder.

Auch für die Geburtenrate stellten die Forscher positive Folgen fest: Ihren Berechnungen nach führen zehn Prozent mehr Betreuungsmöglichkeiten für Kleinkinder zu einem Anstieg der Fertilitätsrate (Anzahl der Geburten pro tausend Frauen im gebärfähigen Alter), zunächst um 2,4, später um 3,5 Prozent.

Der internationale Vergleich bestätige diese Zusammenhänge, sagt Lena Hipp, deren Forschungsgruppe am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialwissenschaften (WZB) die Beziehungen von Arbeit und Fürsorge untersucht: In Schweden etwa würden 46 Prozent der unter Zweijährigen außer Haus betreut, zugleich habe Schweden eine Fertilitätsrate von 1,9 Kindern pro Frau – in Deutschland sind dies nur 1,4 – und die höchste Frauenerwerbstätigkeit in Europa (77 Prozent). In Befragungen vor allem der Geburtsjahrgänge ab 1990 sei festzustellen, dass Männern wie Frauen der Beruf wichtiger sei als die Familie: „Das heißt, sie werden Kinder nur bekommen, wenn sie Beruf und Familie vereinbaren können.“ Das bedeute neben der Betreuung der Kinder auch verlässliche Arbeit, sagt Hipp: „Dass viele nur noch prekäre Beschäftigungen bekommen, schüchtert junge Leute ein und hält sie oft davon ab, Eltern zu werden.“ ade/KNA

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