Deutschland in der Krise : German Angst vergeht

Wird es in Deutschland wegen der Krise bald wütende Massenproteste geben? Nein – sagen Politik- und Sozialwissenschaftler.

Johannes Schneider

Es ist ein Szenario, das in diesen Tagen von vielen beschworen wird: Sobald die Wirtschaftskrise ihre volle Wirkung entfalte, werde sich die Wut der Menschen auf den Straßen entladen. Wie etwa in Frankreich, wo aufgebrachte Arbeiter Autoreifen anzündeten und Manager als Geiseln nahmen. Oder wie in England, wo Unbekannte den Luxus-Mercedes des ehemaligen Bank-of-Scotland-Managers Sir Fred Goodwin demolierten. „Wir stehen auch in Deutschland vor einem Jahr der wütenden Massenproteste“, sagt Globalisierungskritiker Roland Klautke von Attac. Französische Verhältnisse bald auch hier? Gelten die Deutschen nicht als besonders ängstlich, schließlich ging einst sogar der Begriff der „German Angst“ um die Welt?

„Davon sind wir weit entfernt“, sagt Wolfgang Schröder von der Universität Kassel. Der gewerkschaftsnahe Politikwissenschaftler beschäftigt sich seit Jahren mit den Auswirkungen von Arbeitslosigkeit auf die Gesellschaft. Er betont die Gelassenheit, mit der die Deutschen der Krise begegnen würden. „Es ist ja fast schon beunruhigend, wie ruhig alles bleibt.“ Keine Spur also von der angeblich typisch deutschen Verzagtheit – eine Gefühlslage, angesiedelt irgendwo zwischen Furcht und Panik, die in den Augen vieler im Ausland die deutsche Seelenlage charakterisiert? „No German Angst“, sagt Schröder und lächelt, „Germany is relaxed.“

Die neue deutsche Gelassenheit lässt sich auch mit Zahlen belegen. „Die Stimmung im Land hat sich in den vergangenen Monaten praktisch nicht verändert“, sagt Andrea Wolf vom Mannheimer Meinungsforschungsinstitut „Forschungsgruppe Wahlen“. Zwar wird die allgemeine Wirtschaftslage als sehr schlecht eingeschätzt. Aber drei Viertel der Befragten rechnen damit, dass ihre persönliche wirtschaftliche Lage gleich bleiben wird – oder sich sogar verbessert. Für manchen ausländischen Beobachter ist diese deutsche Zuversicht schier unglaublich. „Die Welt steht Kopf“, schrieb unlängst Roger Cohen, der langjährige Berlin-Korrespondent der „New York Times“ in einem Gastbeitrag für die „Süddeutsche Zeitung“. „Die Lage ist fürchterlich, aber die Deutschen sind glücklich!“

Für den Berliner Psychologie-Professor Dietrich Manzey erklärt sich der Zwiespalt zwischen persönlicher und allgemeiner Wahrnehmung durch eine grundlegende Entwicklung in der deutschen Gesellschaft: der Individualisierung. „Wir leben immer Ich-bezogener“, sagt Manzey. Die Gemeinschaft sei nicht mehr so wichtig, was zählt, sei die individuelle Erlebniswelt. Manzeys Wittener Kollege Fritz Simon sagt, die Deutschen seien „privatistischer“ geworden. Gut möglich also, meint auch Manzey, dass sich erst Unmut rege, wenn die Krise verstärkt beim Einzelnen ankomme.

Denn das, sagen viele, sei ja noch gar nicht der Fall, die Ruhe also trügerisch. Der Sturm komme erst noch.

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Über uns die Krise. Matthias Koeppels Bild „Beckmann kehrt zurück“. Zu sehen sind der Maler Beckmann mit Ehefrau Quappi. Koeppel...

Tatsächlich kann man davon ausgehen, dass alles noch viel schlimmer wird“, sagt Sebastian Weber, Konjunkturexperte vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Bisher werde der Arbeitsmarkt künstlich unterstützt: durch die Betriebe, die auf Kurzarbeit umstellen, und durch die Regierung, die Milliarden in die Wirtschaft pumpt. „Aber das kann nicht von Dauer sein“, sagt Weber. „Bis 2010 erwarten wir mindestens 1,2 Millionen neue Arbeitslose.“ Der Knick, das sei sicher, der würde kommen.

Allerdings wird es ein Knick sein, der stark branchenorientiert ist. „Die Stimmungslage bei uns ist nicht im Ansatz dramatisch“, sagt deshalb auch Verdi-Sprecher Jan Jurczyk, der Gewerkschaft der Dienstleistungsbranchen. Genauso wie man vom Aufschwung der vergangenen Jahre nicht so stark profitiert habe wie andere Wirtschaftszweige, so leide man jetzt auch noch nicht so sehr unter der Krise. „Wir waren damals nicht himmelhoch jauchzend, und wir sind jetzt nicht zu Tode betrübt.“ Wie die Stimmung in einigen Monaten aussehe, sei dagegen ein andere Frage. Im schlechtesten Fall wohl so wie bei der IG Metall, wo wenig von der neuen deutschen Leichtigkeit zu spüren ist. „Die Beschäftigten sind verunsichert“, sagt die Sprecherin Ingrid Gier. Auch „das Verhalten mancher Verursacher“ mache viele Arbeiter betroffen. Die Stimmung könne durchaus kippen. „Und dann kann es auch zu sozialen Konflikten kommen.“

Szenen wie in Frankreich hält aber nicht nur die Gewerkschafterin für unwahrscheinlich. „In Frankreich gehört die Meinungsäußerung auf der Straße zur Tradition“, sagt etwa Ellen Immergut, Politologin von der Berliner Humboldt-Universität. „In Deutschland gründet man eher einen Interessenverband.“ Auch Wolfgang Schröder nennt „das typisch deutsche Zusammenspiel zwischen Staat, Verbänden und Privatpersonen“ als stabilisierenden Faktor. „Wir haben in Deutschland eine im Vergleich zu anderen Ländern gut funktionierende Institutionenordnung.“ Das Vertrauen der Deutschen in ihre Institutionen sei groß. Erst wenn die Bürger den Eindruck hätten, der Staat sei der Aufgabe nicht mehr gewachsen, könne es mit der Ruhe vorbei sein. „Aber zurzeit sieht es eher so aus, als wachse das Vertrauen in der Krise noch.“

Schon in der Vergangenheit habe Deutschland bewiesen, dass es Krisen gut meistern könne. So sei die Bundesrepublik nach einer Export-Talsohle Mitte der Neunziger Jahre wieder zum Exportweltmeister aufgestiegen. „Es ist eben kein Zufall“, sagt Schröder, „dass in Deutschland das auf Hölderlin zurückgehende Zitat von der Krise als Chance so weit verbreitet ist.“

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