• Deutschland kann nicht einfach das angelsächsische System kopieren, meint der KMK-Präsident

Politik : Deutschland kann nicht einfach das angelsächsische System kopieren, meint der KMK-Präsident

Der scheidende Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK), Hans Joachim Meyer (CDU), hat vor einer "unüberlegten Amerikanisierung" des deutschen Hochschulsystems gewarnt. Mit Blick auf die Einführung neuer gestufter Studiengänge mit Bachelor- und Masterabschlüssen auch an deutschen Hochschulen wandte sich Meyer in einem dpa-Gespräch am Mittwoch gegen "die totale Abkehr" vom traditionellen Diplom und Magister. Für alle neuen Studiengänge müsse jedenfalls der Grundsatz gelten, "dass die jungen Leute damit auch etwas auf dem Arbeitsmarkt anfangen können".

Meyer, der Wissenschaftsminister in Sachsen ist, räumte ein, die klassischen deutschen Diplomgrade führten gelegentlich auf dem internationalen Arbeitsmarkt zu Irritationen. "Das deutsche Wort "Diplom" ist nicht irrtumsfrei ins Englische zu übersetzen, und wir können von ausländischen Personalchefs nicht erwarten, dass sie zunächst einen Grundkurs in deutschen Hochschulstrukturen absolvieren", sagte Meyer. Hier täten mehr Aufklärung, aber auch Selbstbewusstsein gut.

Deutschland mit einer der weltweit ältesten Universitätstraditionen könne nicht einfach künftig seine Studienstrukturen "unter der Flagge englischer Bezeichnungen führen und damit ein anderes Hochschulsystem kopieren", sagte Meyer. Die Propagandisten von Bachelor- und Masterstudiengängen erweckten fälschlicherweise den Eindruck, als sei dies "ein in sich geschlossenes, international akzeptiertes Abschlusssystem, das man einfach in Deutschland übernehmen kann, und alle Probleme sind gelöst". Er kenne einige amerikanische Kollegen, die angesichts der aktuellen Diskussion in Deutschland den Kopf schüttelten.

Der englische Bachelor sei ein Abschluss auf "schmalerem Niveau", sagte Meyer. Der amerikanische Bachelor stelle keine Berufsbefähigung im deutschen Sinne dar, sondern sei allenfalls ein Studienabschluss, der noch mit Berufserfahrung kombiniert werden müsse. Es gebe sicher auch in der deutschen Wirtschaft einen lauter werdenden Ruf nach kürzeren Studiengängen. In England bilde man beispielsweise in einem Bachelorstudium nicht den Physiker, sondern den Halbleiterphysiker aus, also jemanden mit eingeschränktem Fachgebiet. Grundsätzlich zeigte sich Meyer für Überlegungen zu neuen Studienstrukturen offen, jedoch solle dabei mehr Gelassenheit und Sachkenntnis einkehren.

Meyer hält es zudem grundsätzlich für richtig, wenn sich die Universitäten ihre Studenten in weiterführenden Master-, Diplom- und Magisterstudiengängen selbst aussuchen könnten. Als Auswahlkriterium werde dabei die Abschlussnote der ersten Studienphase eine wesentliche Rolle spielen. Dann müsse aber sicher gestellt werden, dass schon der erste Studienabschluss zum Beruf führe.

Anfang Januar übergibt Meyer turnusgemäß sein Amt als KMK-Präsident an Bremens Wissenschaftssenator Willi Lemke (SPD). Rückblickend auf seine Amtszeit hob Meyer besonders den Beschluss der Kultusminister über mehr Toleranz bei der wechselseitigen Anerkennung von Bildungsabschlüssen vom März hervor. Damit sei klargestellt worden, dass konkrete Innovationen im Bildungsbereich von den Ländern selbst ausgingen, die Kultusministerkonferenz sei dabei nur "ein Kooperations- und Konsensgremium". Nicht jede einzelne Neuerung im Bildungssystem eines Bundeslandes benötige heute den Segen der übrigen 15 Länder.

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