Politik : Deutschland nach der Vereinigung - Gut, dass Polen keinen reichen Westen hat (Kommentar)

Michal Jaranowski

Zeit, Abschied zu nehmen. Nach 13 Jahren, in denen Deutschland - oder besser: das Rheinland - meine zweite Heimat geworden ist. Polen? Ich habe es zuletzt fast wie ein Tourist besucht, muss es neu kennen lernen. Mit welchen Erinnerungen ich Deutschland verlasse? Persönlich: ausschließlich mit guten. Als professioneller Beobachter und als Pole: mit gemischten. Der Fall der Mauer und die deutsch-polnischen Abkommen zu Beginn der neunziger Jahre wurden zu einem historischen Wendepunkt. Politisch und wirtschaftlich sind wir gute Nachbarn, ja: Freunde geworden. Polens Nato-Beitritt machte uns zum ersten Mal in der Geschichte zu Verbündeten.

Vor zehn Jahren wurden die Deutschen von einer Welle der Euphorie getragen. Viele Nachbarn jedoch reagierten mit mehr oder minder offener Angst auf die Wiedergeburt eines mächtigen Deutschland. Heute ist es umgekehrt. Alle reden von der Mauer in den Köpfen, die Wessis und Ossis trenne. Das deutsche Problem dagegen, das Europa zwei Jahrhunderte begleitete - oft mit tragischen Folgen - ist verschwunden. Das ist für mich der größte Erfolg der Wiedervereinigung.

Warum dann gemischte Gefühle? Wegen des Stands der zwischenmenschlichen Beziehungen von Deutschen und Polen. Die Umfrage einer Bochumer Forschungsgruppe bestätigt, was ich im Alltag beobachte. "Was denkt ihrer Meinung nach die Mehrheit der Deutschen über Polen?" Die Reihenfolge: Armut, Autodiebstahl, Autoschieberei, Gastfreundschaft, Mafia, polnisches Wirtschaften. Das letzte Schlagwort stammt vom Ende des 18. Jahrhunderts. Die Lebenskraft der Vorurteile ist also enorm. Wahr ist: Seit Jahren hat Polen die höchsten Wachstumsraten in Europa, wird als Wirtschaftswunder gefeiert. Das Verhältnis der meisten Ostdeutschen zu Polen gibt das Wort "Hass" ziemlich treffend wieder. Eigentlich wollte ich im letzten Gastkommentar nichts Trauriges schreiben. Aber es tut weh. Der Schmerz ist stärker als der Wille zur Verdrängung.

In Polen dagegen klettern die Deutschen immer höher auf der Sympathie-Skala - obwohl sie doch unlängst noch ganz unten rangierten. War die Asymmetrie in den Beziehungen jemals so stark wie heute?

Die Ostdeutschen verdienen Mitgefühl. Sie reagieren betroffen, weil sich bei ihnen der Eindruck verfestigt, dass Ostbiografien keine Chance auf differenzierte Beurteilung haben. Überwiegend westdeutsche Politiker, Historiker, Publizisten interpretieren DDR-Geschichte und DDR-Biografien - und fällen Werturteile. Frustration und Unterlegenheitsgefühl machen sich breit. Denn der Aufschwung verdankt sich der brüderlichen Alimentierung aus dem Westen.

Deshalb denke ich manchmal: Gut, dass es kein reiches Westpolen gibt. Meine Landsleute haben keine blühenden Landschaften im Eiltempo erwartet. Sie wussten, dass sie auf eigene Kräfte angewiesen sind und wie weit diese reichen. Deshalb blieben ihnen viele Enttäuschungen erspart. Beim Gedanken an den Abschied freilich erwische ich mich bei dem Gedanken: Vielleicht wäre es doch nicht so schlecht, einen reichen Bruder im Westen zu haben ... Tschüss!Der Autor ist Deutschland-Korrespondent der Zeitung "Zycie Warszawy".

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