Politik : Deutschland nimmt ab

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Fettsäcke mit Selbstironie tragen gern ein XXXXL-T-Shirt mit der Aufschrift „Bier formte diesen wunderschönen Körper“. Und das ist ja meist auch wahr. Zumindest wenn jene Wissenschaftler im Recht sind, die uns jetzt vorhalten, dass drei Viertel aller erwachsenen deutschen Männer und jede zweite erwachsene deutsche Frau zu dick seien. Die Gründe: zu wenig Sport, zu viel Glotze, zu viel Bier.

Das eigentlich Schockierende an dieser Nachricht ist weniger die nackte Zahl, die sich durch Änderung der jeweils verhängten Dickheitsdefinition leicht variieren ließe. Es ist vielmehr die Tatsache, dass wir in Deutschland damit schon nahezu genauso dick sind wie die führenden Amerikaner.

Und das geht nun echt zu weit. Denn es ist ja bekanntlich der Amerikaner, der seine verderblichen Kunststofflebensmittel voller Profitgier in die Hälse der Welt stopft, jener Welt, die von sich aus niemals die Ideallinie von Dinkelbratling und Kräutersalat verlassen hätte. Das Gespenst des Neoliberalimus greift also vom Oval Office aus direkt unsere Gürtellinie an.

Gegenmaßnahmen sind im Gange. Verbraucherschutzminister Seehofer hat jetzt alle erdenklichen Verbände und Vereine zum Abfassen der Eckpunkte eines nationalen Aktionsplans verdonnert. Es läge nahe, diesen Plan in das aktuell schon laufende allgemeine Deutschengenesungsprogramm zu integrieren. Während Foodwatch also vor dem Brandenburger Tor mit der Dampfwalze 10 000 Cheeseburger platt fährt, verbessern ausgewählte Berliner Fettleibige durch das rhythmische Einschrauben von Energiesparlampen gleichzeitig ihre Figur und die persönliche CO2-Bilanz. Die „Bild“-Zeitung verteilt Millionen von Aufklebern „Rettet unsere Linie – wir machen mit!“ und rät, sie auf dem Heck des SUV direkt neben dem etablierten Erdrettungsaufkleber zu befestigen.

Die Wildecker Herzbuben teilen begeistert mit: „Wir essen den Salat zur Schweinshaxe ab sofort ohne Öl“. Und in den „Tagesthemen“ appelliert eine zwölfjährige Kommentatorin mit weit aufgerissenen Augen an die Deutschen, sich doch unbedingt gesünder zu ernähren: „Ich trinke jetzt nur noch Cola light zu meiner Kindermilchschnitte!“ Bierflaschen tragen Warnaufkleber mit der Ernährungsklasse X („Pfui Deibel!“), allerdings kann sich jeder Trinker durch den Kauf von Grünteezertifikaten Ablass verschaffen.

Bedauerlich: Knut, dessen BodyMass-Index den Wert 30 (Fettleibigkeit) erreicht, macht nicht mit und muss Deutschland verlassen. Aber dieses kleine Opfer sollte uns die Sache schon wert sein.

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