Politik : „Deutschland trauert“

NAME

Berlin. „Wir haben keine Antwort“, sagt Johannes Rau. Auch der Bundespräsident kann nur wenig sagen an diesem Tag, der alle sprachlos macht. „Deutschland trauert über ein unfassbares Geschehen“, sagt Rau im Schloss Bellevue. Entsetzen, Fassungslosigkeit, Trauer bestimmen die ersten Reaktionen auf die Todesschüsse von Erfurt.

Bundeskanzler Gerhard Schröder tritt am späten Nachmittag vor die Kameras im Kanzleramt. „Wir stehen fassungslos vor diesem entsetzlichen Verbrechen“, sagt er. „Das ist ein so singuläres Ereignis, dass es alle Vorstellungskraft übersteigt.“ Den Angehörigen der Opfer spricht er sein Mitleid aus – alle tun das an diesem Tag.

Aus dem In- und Ausland gehen Beileidsbekundungen ein. Entsetzt sind alle so wie Bernhard Vogel, der Ministerpräsident von Thüringen, in dessen Hauptstadt die 18 Menschen starben. Bernhard Vogel sprach Opfern und Angehörigen sein tiefes Mitgefühl aus. In dieser Stunde seien „Solidarität, Hilfsbereitschaft und Mitgefühl angebracht und nicht viele Worte.“ Es müsse versucht werden, das Geschehen zu verkraften und zu verarbeiten. Die Bundesregierung und die anderen Länder bieten sofort jede erdenkliche Hilfe an. Von einer Tat, die „sämtliche Schranken der Menschlichtkeit“ durchbricht, spricht in München der Unionskanzlerkandidat Edmund Stoiber.

Auf die Suche nach Ursachen, Gründen, Motiven mag in der ersten Reaktion noch kaum jemand gehen. „Alle Erklärungsversuche sind vorläufig und greifen zu kurz“, sagt der Kanzler. „Wir wollen auch keine schnelle Antwort geben“, sagt der Bundespräsident. „Ich warne jetzt vor voreiligen Schlüssen“, sagt Bundesinnenminister Otto Schily.

„Wir sind ratlos, was einen Menschen so weit treiben kann“, sagt Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit. Von „Abgründen der Grausamkeit und des Hasses, aber auch der Trauer und des Nicht-Verstehen-Könnens“ spricht der evangelische Präses Manfred Kock.

Die Vorsitzenden der Grünen, Claudia Roth und Fritz Kuhn, sagten in Berlin: „In diesen Stunden der tiefen Trauer ist unser ganzes Mitgefühl bei den Angehörigen und Freundinnen und Freunden.“ FDP-Chef Guido Westerwelle sagte: „Die FDP trauert mit den Angehörigen und den Opfern. Wir sind erschüttert und entsetzt.“ Die PDS-Chefin Gabi Zimmer betonte, die Angehörigen der Opfer bräuchten jetzt alle Hilfe und Unterstützung. „Die Umstände der Tat müssen schnellstmöglich aufgeklärt werden.“

Konrad Freiberg, Chef der Gewerkschaft der Polizei, spricht aber aus, was viele spontan denken: „Die amerikanischen Verhältnisse haben uns eingeholt.“ Auch Stoiber sieht ein „Alarmsignal für unsere Gesellschaft". Die Berliner Grünen-Fraktionschefin Sibyll Klotz vermutet, dass zunehmende Darstellung und Verherrlichung von Gewalt in Film, Fernsehen und Computer zu einer solchen Tat beigetragen haben könnten.

Otto Schily gibt zu bedenken, ob nicht eine nur auf Leistung getrimmte Gesellschaft selbst die Atmosphäre mit erzeugt hat, die einen von der Schule verwiesenen 19-Jährigen zum Massenmord bringt. Man werde sich die Frage stellen müssen, welches Aggressionspotenzial in der Gesellschaft stecke.

Weithin Ratlosigkeit herrscht noch über die Konsequenzen aus dem grausigen Geschehen. „Wir können ja nicht die Schulen in Festungen verwandeln“, sagt Schily und sieht sich dabei von den Verbänden der Lehrer unterstützt.

Grundsätzlich, sagt die Vorsitzende der Lehrergewerkschaft GEW, Eva-Maria Stange, werde man aber schon über mehr Sicherheit an den Schulen nachdenken müssen, nachdem erneut ein Gymnasium Schauplatz eines solchen Racheaktes eines enttäuschten Schülers war. Schily sieht vor allem raschen Aufklärungsbedarf bei der Frage, woher der junge Mann seine Waffen hatte. Die größte Gefahr gehe nämlich von illegalem Waffenbesitz aus. Einen „etwas makabren Zufall“ nennt es der Innenminister, dass der Bundestag am gleichen Tag eine Verschärfung des Waffenrechts gebilligt hat. Robert Birnbaum

0 Kommentare

Neuester Kommentar