Deutschland und die Flüchtlinge : Warum ich als Jude ans Auswandern denke

Eine Welt ohne Grenzen ist eine gefährliche Utopie. Über den Weg, den Angela Merkel eingeschlagen hat, bin ich entsetzt. Das geht vielen Juden hier so. Einige wollen das Land verlassen. Ein Essay als Gastbeitrag.

Michael Hasin
Ein Polizist sammelt auf der Innbrücke an der deutsch-österreichischen Grenze eine Gruppe von Flüchtlingen.
Ein Polizist sammelt auf der Innbrücke an der deutsch-österreichischen Grenze eine Gruppe von Flüchtlingen.Foto: Armin Weigel/dpa

Gut ist das Gegenteil von gut gemeint. Sagte Tucholsky. Und gut gemeint war und ist die kosmopolitische Vision einer grenzenlosen Welt, die Vision des Spätsommermärchens, der Willkommenskultur: „Kein Mensch ist illegal“, „No Borders, No Nations“, „Bleiberecht für alle“, „Überwindung des Nationalstaats“, „Wir schaffen das“, so hieß es, heißt es.

Denn warum soll derjenige, der das Unglück hatte, in ein von Krieg oder von Armut zerrissenes Land hineingeboren zu werden, nicht das Recht haben, dorthin zu ziehen, wo es Wohlstand und Stabilität gibt? Hätten nicht die Bewohner des globalen Nordens genauso gehandelt, wären sie nicht zufällig in Stuttgart zur Welt gekommen, sondern in Sierra Leone? Sind Grenzen also nicht nur ungerecht, sondern auch unlogisch? Weg mit ihnen, den Grenzen! Daher: Brüder, zur Sonne, zum Weltstaat! Das ist die große Utopie.

Ich bin ein postsowjetischer, ein – im weiteren Sinn - russischer Jude. Und wir russischen Juden haben unsere Erfahrungen in Utopie bereits gemacht. Unsere Utopie war die Utopie des Kommunismus, der Traum von der radikalen Gleichheit, vom neuen Menschen und von der leuchtenden Zukunft. Diesem Traum hatten wir uns 1917 ganz, mit Haut und Haar, mit Herz und Seele verschrieben.

An die Stelle von Not und Ausbeutung sollte - jedem nach seinen Bedürfnissen - der universelle Überfluss treten, an die Stelle der Unterdrückung im Zarenreich die Freiheit im Sozialismus. Was sonst sollte die Alternative sein zu einem System der absoluten Rückständigkeit in Staat und Wirtschaft; zu einem System, in dem Millionen von namenlosen Arbeitern und Bauern den Heldentod riskieren mussten für die Ehre einer winzigen Klasse von Kapitalisten und Aristokraten; zu einem System, in dem es Austern und Champagner für die oberen Zehntausend und für die Masse der Menschen nur Hunger gab.

Und wir haben zutiefst daran geglaubt, mit voller Inbrunst, dass es möglich ist, dass wir  dazu den Reichen nur ihren Reichtum nehmen, ihn umverteilen und die Marktwirtschaft mit ihrer brutalen Irrationalität überwinden und an ihren Platz einen brillanten 5-Jahres-Plan stellen müssen. Und ganz schnell, mit einem Ruck, würden wir nach einer ultrakurzen Zeit der Entbehrung alle himmlischen Erlösungsphantasien hinter uns lassen und in einem irdischen Paradies landen.

Einen ungekannten Produktivitätsschub würde es geben und einen ewigen Frühling, in dem es uns freistünde, „heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren". Onkel Marx hat uns das doch so versprochen. Wie es wirklich funktionieren sollte, wussten wir vielleicht nicht. Aber schlimmer als im Zarenreich würde es nicht werden. Dachten wir.

Aber wir wollten doch nur das Beste

Schaut man zurück, verblassen alle Untaten des russischen ancien regime vollkommen vor dem Horror des sowjetischen Weltverbesserungsprojekts: In fast hundert Jahren, von 1820 bis 1910, wurden in ganz Russland ca. 6500 Menschen wegen politischer Verbrechen hingerichtet, allein in den Jahren 1937/38  in der UdSSR aber ca. 700.000 Personen erschossen. Dazu kommen die Abermillionen Toten durch Bürgerkrieg, menschengemachte Hungersnot, Dekulakisierung, Zwangskollektivierung, Säuberungen, Gulag.

Aber wir wollten doch nur das Beste. Natürlich hätte man es voraussehen können, dass, wenn man das Profitstreben als Triebfeder ausschaltet, Gewalt an dessen Stelle treten muss; dass, wenn man Märkte abschafft, man Ineffizienz bekommt; dass, wenn man Parlamente und unabhängige Gerichte als bourgeois-kapitalistische Hirngespinste über Bord wirft, Sadismus und Machtgier der Regierenden freie Hand haben; natürlich hätte man voraussehen können, dass der Kuchen, den man verteilen möchte, nicht plötzlich größer wird, wenn man Landbesitzer und Unternehmer  tötet oder aus dem Land jagt und das auch dann nicht, wenn man schließlich aus Frustration die letzten noch verbliebenen „Reichen“, und das konnte zum Beispiel ein Bauer sein, der eine einzige Kuh (Produktionsmittel!) besaß, ausnimmt und zum Verhungern nach Sibirien schickt. Man hätte es voraussehen können. Leider haben es zu viele nicht voraussehen wollen.

Irgendwann hatte der große Horror ein Ende. Irgendwann, nach dem Tod Stalins, hat das Regime aufgehört, die eigenen Bürger als Saboteure dafür zu bestrafen, dass sich aus irgendeinem Grunde doch kein Staat schaffen ließ, in dem wir nur mit dem Finger zu schnippen bräuchten und uns gebratene Tauben sogleich in den Mund fliegen würden. Zu dem Zeitpunkt aber ist von der Utopie nichts mehr geblieben. Geblieben ist ein graues Land mit einer roten Fahne. Eine Farce, die mit der Vision von Sozialismus und Kommunismus etwa so viel Ähnlichkeit hatte wie eine Gummipuppe mit einem Menschen.

Ja, die Sowjetunion hat den Faschismus besiegt, und da gab es für uns Dutzende Millionen Untermenschen, Slawen und Juden, gar keinen Zweifel: lieber im kommunistischen Elend leben, als gar nicht leben im Nazi-Reich. Aber für den Sieg gegen den Faschismus hätte es das Regime nicht gebraucht, den Sieg haben die Menschen errungen. Und ja, man konnte im Kommunismus leben, lachen, lieben, glücklich sein.

Aber das alles kann man auch und viel besser im Kapitalismus. Und sogar um ein Vielfaches sozialistischer als der Sozialismus waren die westeuropäischen Wohlfahrtsstaaten und  die USA, in denen Anfang der Achtziger fast jeder Haushalt Telefon, Auto und Farbfernsehen besaß, während in der Heimat aller Werktätigen zur selben Zeit die Mehrheit der Bevölkerung nichts von diesen Dingen, kein Telefon, kein Auto, keinen Farbfernseher hatte.

Nein. Die Oktoberrevolution von 1917 war ein kapitaler Fehler. Und besser für uns alle wäre, es hätte die Ideologie einfach nie gegeben, die dahinter stand: die kommunistische Utopie.

Aus der kommunistischen Utopie ist heute die kosmopolitische Utopie geworden.

Die Abschaffung der Grenzen wurde unerbittlich gefordert

Diese antinationale Utopie ist eigentlich nur die Sache einer – gar nicht mal so kleinen – Minderheit. Einer Minderheit, die zur gefühlten Mehrheit wird in ihrem eigenen ultrahomogenisierten Innenstadtviertel-Umfeld der nach eigener Ansicht Kreativen und nach allgemeiner Ansicht Wohlhabenden.

Doch im Spätsommer 2015 hat die kosmopolitische Fantasie nicht nur eine Minderheit, sondern die gesamte deutsche Gesellschaft, uns alle, erfasst. Die einen als herrlicher Traum, aus dem man nicht mehr erwachen möchte, und die anderen, die meisten, als Alptraum, aus dem man es gerne würde, aber nicht kann. Die Abschaffung der Staatsgrenzen wurde mit einer Unerbittlichkeit gefordert wie einst die Verstaatlichung der Produktionsmittel. Begründet hat man das unterschiedlich. Mal hieß es, Deutschland müsse alle Asylsuchenden der Welt aufnehmen, alle, die kommen. Mal hieß es, die Wirtschaft brauche neue Fachkräfte. Mal hieß es, man könne Grenzen in Zeiten von Smartphones eh nicht mehr schützen. Widerrede war zwecklos.

Ein Beispiel: Als der Präsident des Zentralrates der Juden sagte, man werde um eine Obergrenze nicht herumkommen, und seine Sorgen äußerte über arabischen Antisemitismus (keine vollkommene absurde Furcht angesichts der Tatsache, das nach amtlichen Statistiken viele politisch motivierten Gewalttaten gegen Juden von „Ausländern“ begangen werden), hieß es im halbamtlichen Mitteilungsblatt der Bundesregierung „taz“ schlicht, der Zentralrat der Juden müsse jetzt endgültig in den Zentralrat der rassistischen Juden umbenannt werden.

Man will es nicht glauben, reibt sich die Augen, aber der Artikel findet sich und dort steht es genau so: Zentralrat der rassistischen Juden. Ein anderes Beispiel: Joschka Fischer meint in einem Text in der SZ, angesichts von Viktor Orban und Kaczynski könne man „fast“ von Wohlstandsfaschismus sprechen. Wohlstandsfaschismus, klingt das nicht super? In Polen beträgt die Durchschnittsrente übrigens 360 Euro im Monat. Fischer dagegen hat  im Jahr 2010 ca. 250.000 Euro im Monat verdient.

In den frühen Dreißigern des letzten Jahrhunderts haben kommunistische Parteien gegen Sozialdemokraten als Sozialfaschisten agitiert; heute halten unsere Gesinnungseliten Menschen, die der Ansicht sind, Staaten dürften darüber bestimmen, wen sie ins Land lassen sollen, für Rassisten, Faschisten, Verbrecher. Man sagt, Geschichte wiederhole sich nicht, aber ihr seht, Freunde, es ist alles schon mal dagewesen.

Und es war auch schon einmal so, dass eine gut gemeinte Sache fatale Folgen hatte: Die Konsequenzen der kommunistischen Utopie in Russland sind bekannt. Welche Konsequenzen wird nun die kosmopolitische Utopie in Deutschland haben, wenn man sie realisiert, also wenn es einfach so weiter geht wie bisher?

Interethnische Spannungen könnten die Folge sein

Es ist wahrscheinlich, aber nicht völlig sicher, dass einer Gesellschaft, die nicht weiß, wer sie ist und was sie sein will, die ökonomische und kulturelle Integration von Millionen und Millionen von Neuankömmlingen misslingen wird, mit der Folge unbeherrschbar wachsender interethnischer Spannungen.

Es ist wahrscheinlich, aber nicht völlig sicher, dass Kriminelle und Terroristen aus dem gesamten Nahen Osten sich unter den Flüchtlingsstrom mischen und nach Europa kommen werden, so dass nach einiger Zeit auch der letzte Anschein staatlichen Gewaltmonopols verschwindet. Es ist wahrscheinlich, aber nicht völlig sicher, dass ein bedeutender Teil der Einheimischen das Vertrauen aufgibt in einen Staat, der die Kontrolle verloren hat, dass dieser Teil sich radikalisiert und die Systemfrage stellt, in der Wahlkabine oder auf der Straße. Das alles ist wahrscheinlich, aber eben nicht völlig sicher, hängt es doch von verschiedenen Annahmen ab, über die man endlos diskutieren kann, hängt es doch davon ab, welche Vorstellungen man hat von Ökonomie oder von der Existenz kulturspezifischen Verhaltens, vom Wesen des Islam, von Rassismus, von Kriminalität oder von der Attraktivität westlich-liberaler Werte.

Es ist aber sicher, nicht nur wahrscheinlich, dass jeder Sozialstaat bei einer Zuwanderung ohne absehbares Ende nach einigen, wenigen Jahren bankrott gehen wird. Beamtengehälter, Pensionen, Sozialleistungen werden schlicht nicht mehr gezahlt werden können, weil kein Geld mehr da ist, und auch niemand einem Staat Geld leihen wird für ein Projekt, dass ein Fass ohne Boden ist. Um darauf zu kommen braucht man keine klugen Theorien über die Natur des Menschen, dafür reicht Arithmetik auf Grundschulniveau. Klingt logisch, ja sogar trivial? Finde ich auch.

Soviel zur Unlogik. Nur ist das geradezu ein allgemeines Merkmal von Utopien: eine große Vision mit einem Überfluss an Pathos und einem Mangel an Realitätssinn.  Auf die simple Frage, wie das ganze eigentlich funktionieren soll, haben die Freunde des Utopischen keine Antwort, warum auch, schließlich ist die Frage selbst schon ein Verbrechen.

Flüchtlinge in Europa
Flüchtlinge warten an der Grenze zwischen Kroatien und Slowenien.Weitere Bilder anzeigen
1 von 58Foto: AFP/Stringer
22.09.2015 10:33Flüchtlinge warten an der Grenze zwischen Kroatien und Slowenien.

Utopien sind dabei nicht notwendig links, denn genauso wie es linke Utopien gibt, gibt es rechte. Während es auf der einen Seite Gleichheitsutopien sind, dominieren auf der anderen Kontroll- oder Bestrafungsutopien. Prohibitive Drogenpolitik zum Beispiel hat utopische Züge und katastrophale Konsequenzen (nur: diese Konsequenzen sind nichts im Vergleich zu den Folgen des kosmopolitischen Wahnsinns). Auch die nationale Option in der Flüchtlingskrise, die Grenzschließung ist eine gefährliche rechte Utopie, aber dazu später. Eine andere rechte Utopie ist die gnadenlose, radikalisierte Sparpolitik und die dahinter stehende bizarre Vorstellung, man könne einen halbbankrotten Staat zur Rückzahlung seiner Schulden bringen, einfach indem man seine Wirtschaft noch weiter zerstört.

Die beiden großen Utopien der letzten Jahre, die Flüchtlingsutopie und die Austeritätsutopie haben dabei maßgeblich zur Destabilisierung Europas beigetragen, dazu, dass der Zerfall der EU ein realistisches Szenario geworden ist. Bemerkenswert, dass sowohl die eine, wie auch die andere Utopie hauptsächlich von der deutschen Bundesregierung verfochten wurde, ohne Rücksicht auf Konsequenzen.

Indes haben die Deutschen kein Alleinabo auf Utopien. Utopien sind universell: ob Russen oder Juden, Chinesen, Kambodschaner, irgendwann wird, vielleicht mit Ausnahme der Engländer, einem beneidenswerten Volk, jede Nation dafür anfällig. Es wäre interessant zu erforschen, woher dieser total menschliche Zug zur Utopie kommt und warum dieses Utopie-Fieber manchmal wie eine Epidemie ausbricht und plötzlich ganze Gesellschaften erfasst.

Ist das der menschliche Aggressionstrieb – Freuds Thanatos -, der irgendein Objekt sucht, und wenn keines zu finden ist, sich einfach gegen sich selbst wendet? Ist das ein angeborenes Unbehagen an der Realität, ein zu irgendeinem Zeitpunkt unserer Evolutionsgeschichte nützlich gewesener Hang zur Halluzination? Oder ist das im Gegenteil die harte Liebe zur Realität, die Neugier und Experimentierfreude, die dahinter steckt: Der eine wird Physiker, und wer schlecht in Mathe ist, versucht sich halt an Sozialexperimenten. Meines Erachtens ist ein Punkt besonders wichtig, um das Aufkommen von Utopien zu verstehen: Utopien sind stets Reaktionen auf wirkliche Herausforderungen.

401 Kommentare

Neuester Kommentar