Deutschland und die Flüchtlinge : Warum ich als Jude in Deutschland bleibe

Die Flüchtlingskrise ist eine Folge der globalen Entwicklungen seit 1990, schreibt unser Gastautor. Dabei geht es nicht um deutsch-deutsches Kleinklein. Das "Wir schaffen das" von Angela Merkel hat ihn bestärkt.

Alex G. Elsohn
Flüchtlinge gehen Ende November an der deutsch-österreichischen Grenze nahe Wegscheid in Richtung Bayern.
Flüchtlinge gehen Ende November an der deutsch-österreichischen Grenze nahe Wegscheid in Richtung Bayern.Foto: picture alliance / dpa / Armin Weigel

In den vergangenen Jahrzehnten haben sich die Welt und mitunter Deutschland dramatisch verändert. Schon in früheren Jahrhunderten ergaben sich Einschnitte und Entwicklungen, welche für Gesellschaften unterschiedlicher Kontinente und Regionen sehr existentielle Fragen aufgeworfen haben. Aber seit knapp dreißig Jahren gibt es parallele Prozesse, die in ihrer Gesamtheit eine immense Herausforderung bedeuten, für Gesellschaft, Politik und jeden Menschen.

Neben dem krachenden Niedergang ideologischer Staatsgefüge steht der kometenhafte Entwicklungsprozess neuer Technologien. Letztere bedeuten vor allem im Bereich des Kommunikation und der Mobilität einen Umbau von Normen und Verhalten im privaten wie im öffentlichen Leben. Ebenso legten der Zerfall der Block-Politik gegen Ende des vorhergehenden Jahrhunderts zusammen mit neuen markttauglichen Technologien den Grundstein für eine neue Wirtschaftsordnung, neue Arbeitsbedingungen und für ein neues Konsumverhalten.

Wurde vor 1990 noch gegen ein jeweilig als feindlich propagiertes System produziert und Politik gemacht, immer unter dem Aspekt des Erhaltens eines sehr labilen Machtverhältnisses, fand eine Transition statt hin zur Produktion und zur politischen Lenkbarkeit für eine weltumfassende Ganzheit.

Dieses gewaltige Unterfangen, zu dem auch die sozio-ökonomische Rettung oder zumindest der Erhalt ganzer Teilkontinente, Länder und Regionen gehörte, war nicht nur ein riesiger Stressfaktor für Politik und Wirtschaft. Es bedeutete auch vielfach eine Überforderung des individuellen Könnens. Wie so oft zeitigte sich dies nicht unmittelbar im Prozess selbst, sondern erst als Spätfolge im Nachhinein.

Genau in dieser Periode des Entwicklungsstandes befinden wir uns heute: die Auseinandersetzung mit den Folgen der Entwicklung seit 1990. Diese sind nicht nur eine deutsche Frage. Der Fall der Berliner Mauer hat bis heute zwar einen maximalen Symbolwert, aber am Ende war diese Mauer nur ein Teil eines viel größeren Bedeutungsgefüges. Es ging und geht um globale Systeme und nicht um deutsch-deutsches Kleinklein.

Das Fremde kommt zu uns - virtuell und in Form der Menschen

Für sich selber erfassen, können Bürger und Bürgerinnen zumeist nur Vorgänge im unmittelbaren Umfeld. Das ist so verständlich und hat auch seine Richtigkeit. Dass die Menschen in Deutschland in erster Linie damit umgehen wollen, wie in ihrem Land, in ihrer Nachbarschaft, die Gegenwart und die Zukunft gestaltet werden, ist nicht nur ihr gutes Recht, sondern auch eine Pflicht. Die vielbeschworene Bürgerpflicht besteht ja nicht nur im sporadischen Gang zur Wahlurne. Es ist die Mitverantwortung zum Tragen des kollektiven Lebens als Gemeinschaft. Diese wiederum ist am ehesten im eigenen Wohnort für sich als Zugehörender erfassbar.

In dieses nachbarschaftliche Beziehungsnetzwerk hat sich nun in den letzten Jahrzehnten mit aller Macht das „Fremde“ eingenistet. Es kam in Form der globalen Kommunikation bis ins Wohn- und Schlafzimmer. Die offenen Möglichkeiten der Vernetzung, das weltweite Netz unzensierter Mitteilung, Information und Diskussion fand seinen Weg in unser Heim. Virtuell wurden wir alle zu Weltbürgern.

Es kam aber auch in Form der Menschen. Es war nicht nur ein digitaler Aufbruch zu neuen Horizonten, sondern ganz banal die physische Mobilität in einer blockfreien Welt, welche das Reisen und damit auch eine weltweite Migration so einfach machten, wie nie zuvor.

Hier sitze ich nun als ausländischer Jude im Deutschland des Jahres 2016, ein Umstand den ich mir 1985 nicht hätte vorstellen können. Nicht nur, dass es mir als Ausländer einfach gemacht wurde, mich hier nieder zu lassen. Viele bürokratische und politische Barrieren sind gefallen, welche dies erst ermöglichten. Nein, es ist die Sache mit meinem Judentum und Deutschland, der deutschen Geschichte. Das ich mit meiner Identität heute in Deutschland leben kann, ist Teil der vorgängig beschriebenen globalen Entwicklung.

Genau der Umstand des Block-Zerfalls, die Auflösung nationalistischer Definition zugunsten kontinentaler und globaler Kooperation, ermöglichten es mir als ausländischem Juden einen Zugang zu Deutschland zu finden, welcher dieses Land in einen für mich neutraleren Kontext stellte. Aber mehr als nur dies, ist es ein Gesamtprozess der deutschen Mehrheitsgesellschaft, welcher mein Dasein hier ermöglicht. Die Auseinandersetzung der Deutschen mit ihrer nationalen Vergangenheit, mit der Frage nach der Wertegesellschaft, die man einerseits schaffen, andererseits erhalten möchte.

Wer von globaler Mobilität profitiert, muss Verantwortung übernehmen

Selbstverständlich ist der Sachverhalt komplex, dass man als Deutscher einerseits von der globalen Mobilität, Wirtschaftsentwicklung und Kommunikation profitiert, andererseits aber auch in diesem Zusammenhang mit globaler Politik und deren Folgen in Übernahme von Verantwortung und Verpflichtung konfrontiert wird. Doch mit dieser Schwierigkeit muss man zurande kommen.

Hier geht es nicht um ein Wollen, keine freie Wahl der Möglichkeiten ob ja oder nein. So wie es keine halbe Schwangerschaft gibt, gibt es keine halbe freie Welt. Wenn wir die Vorteile freier Mobilität und freier Kommunikation sowie freien Zugangs zu Technologie und Konsum für uns beanspruchen wollen, dann haben wir keine Wahl und müssen diese Rechte auch anderen zugestehen. Wenn wir für uns Menschenrechte, Zivilrechte, Freiheiten und generell das Recht auf Leben einfordern, dann müssen wir die Fähigkeiten haben, dies auch anderen zugestehen zu können. Sonst gerät alles zur formlosen Phrase, zur inhaltslosen Hülle.

Nichts hat mich mehr in meinem Gefühl bestärkt, als Jude hier in Deutschland bleiben zu wollen, als das mittlerweile schon geschichtsträchtige „Wir schaffen das“. Nicht, weil dies einfach wäre, nicht weil das alles so klar und undiskutabel ist. Aber einzig und allein aus dem dieser Aussage hinterlegten Grundgedanke, dass wo ein Wille ist, auch ein Weg sich öffnet. Der Wille Ja zu sagen beflügelt die Energien, effektive Lösungen zu suchen, sich einer Problematik nicht zu verweigern. Wenn mir als Jude gesagt werden will, was die Moral aus den dunkelsten Zeiten deutscher Vergangenheit sein soll, dann ist es dieses Suchen nach Möglichkeiten, nach Alternativen. Die Bereitschaft zur Aufnahme, als Gegensatz zu Ausgrenzung und Ausschluss.

Das ist eine faszinierende Herausforderung, eine große Arbeit, die da zu leisten ist. Es ist ganz klar, dass nur ein gemeinschaftliches Vorgehen, eine kollektive Bereitschaft mit den Folgen der Prozesse der letzten dreißig Jahre umgehen zu wollen, tragbare Lösungen erbringen werden. Dieses Schaffen, diesem konstruktiven Prozess, möchte ich unbedingt ganz nahe bei sein. Ich bleibe in Deutschland.

Der Unternehmen Alex G. Elsohn lebt seit 2005 in Berlin und ist Präsident des Bundesverbandes der deutschen Incoming Unternehmen. Er hat die israelische und die schweizer Staatsbürgerschaft. Elsohn war mehr als zwölf Jahre Vertreter der israelischen Kibbuzbewegung in Europa und vier Jahre Repräsentant für Nordwest-Europa der Universität Tel Aviv.

Er antwortet mit seinem Beitrag auf den Artikel von Michael Hasin, der übers Auswandern nachdenkt.

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