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Deutschland und Frankreich : „Frankreich galt als Land im Abstieg“

15.05.2012 00:00 Uhrvon
Francois Hollande kommt an diesem Dienstag zum Antrittsbesuch nach Berlin. Foto: ReutersBild vergrößern
Francois Hollande kommt an diesem Dienstag zum Antrittsbesuch nach Berlin. - Foto: Reuters

Am Dienstag kommt Frankreichs neuer Präsident Francois Hollande nach Berlin. Der Historiker Jacques-Pierre Gougeon erklärt im Interview, wie der Sozialist mit Kanzlerin Angela Merkel auf Augenhöhe diskutieren will.

Heute kommt Frankreichs neuer Präsident François Hollande zum Antrittsbesuch nach Berlin. Bei der Siegesrede in seiner Wahlheimat Tulle hat er gesagt, dass Frankreich kein x-beliebiges Land auf der Welt sei. Was hat er damit gemeint?
Damit meinte er, dass Frankreich auch aus historischer Sicht immer eine große Rolle in Europa gespielt hat. Es war auch eine Anspielung darauf, dass Frankreich mit Deutschland in Europa auf derselben Augenhöhe diskutieren will.

Wie genau will Hollande das bewerkstelligen?
Indem zum Beispiel über den europäischen Fiskalpakt ehrlich geredet wird.

In diesem Pakt vermissen wir die Wachstumskomponente. Deshalb möchte ihn François Hollande eben um eine Wachstums- und Beschäftigungskomponente ergänzen.

Die französische Präsidentschaftswahl in Bildern

Herrscht in Frankreich der Eindruck vor, dass es in den vergangenen Jahren zu einer übergroßen deutschen Dominanz im Verhältnis zwischen Berlin und Paris gekommen ist?
Ich würde eher von einem Ungleichgewicht sprechen. Das hängt zunächst mit der unterschiedlichen wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland und Frankreich in den letzten Jahren zusammen. Deutschland verzeichnete etwa im Jahr 2010 ein Wachstum von 3,7 Prozent, während es in Frankreich nur 1,5 Prozent waren.

Und dieser Unterschied in der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit schlug sich auch in einem politischen Übergewicht Deutschlands nieder?
Natürlich. Das lässt sich schon seit Mitte des zurückliegenden Jahrzehnts beobachten. Damit hat sich übrigens auch das Frankreichbild in Deutschland immer mehr gewandelt: Frankreich galt für die Deutschen zunehmend als ein Land, das sich im Abstieg befindet. Und gleichzeitig hat sich die französische Gesellschaft selbst infrage gestellt – nach dem Muster: Wer sind wir? Welche Rolle spielen wir? Befinden wir uns wirklich in einem Abwärtsstrudel? Gleichzeitig gab es in Deutschland einen ganz anderen Trend: Das wirtschaftlich erstarkte Land übernahm auf der internationalen Bühne immer mehr Aufgaben. In Frankreich ist ganz genau registriert worden, dass Deutschland in Afghanistan der drittgrößte Truppensteller ist – vor Frankreich.

Jacques-Pierre Gougeon ist Historiker, Germanist und Forschungsdirektor am Institut für internationale und strategische Beziehungen (Iris) in Paris. ScreenshotBild vergrößern
Jacques-Pierre Gougeon ist Historiker, Germanist und Forschungsdirektor am Institut für internationale und strategische Beziehungen (Iris) in Paris. - Screenshot

Was halten Sie von der These, dass Deutschland seit der Wiedervereinigung jenseits der Europapolitik in erster Linie zu einem globalen Akteur geworden ist?
Dem würde ich zustimmen. Deutschland spielt eine eigene Rolle in einer stärker globalisierten Welt. Frankreich hat es da schwerer.

Was bedeutet es für die Beziehungen zwischen Berlin und Paris, dass in Deutschland die Franzosen in immer geringerem Maße als die wichtigsten Partner wahrgenommen werden, wie Sie in Ihrem jüngsten Buch beschreiben?
Genau darin wird die Herausforderung für Merkel und Hollande bestehen. Es wird darum gehen, dem deutsch-französischen Paar eine neue Bedeutung beizumessen und mit der Relativierung des Verhältnisses, wie sie in Deutschland betrieben wird, aufzuhören. Das Jahr 2013, wenn der Elysée-Vertrag 50 Jahre alt wird, könnte einen Anlass bieten, um das Verhältnis neu aufzubauen.

Idealisieren die Franzosen das Verhältnis zwischen Berlin und Paris mehr als die Deutschen?
Ich würde es eher so ausdrücken: Die Franzosen wollen, dass man dem bilateralen Verhältnis mehr Symbolkraft verleiht.

Wie soll das funktionieren mit zwei Politikern wie Hollande und Merkel, die den Zweiten Weltkrieg nicht mehr miterlebt haben?
Ich denke, dass Hollande und Merkel einen Neustart in den Beziehungen allein schon deshalb hinbekommen können, weil sie sich sehr ähnlich sind. Beide sind Analytiker. Frau Merkel als Wissenschaftlerin braucht Zeit, wägt das eine gegen das andere ab. Bei Hollande ist es genau dasselbe. Die beiden können eine gemeinsame Arbeitsmethode finden, wie es sie zwischen Merkel und dem als sprunghaft wahrgenommenen Sarkozy nie richtig gegeben hat.

Wird Hollande verstärkt den Schulterschluss mit Staaten wie Spanien oder Portugal suchen?
Das deutsch-französische Führungsduo wurde in der letzten Zeit in anderen EU-Staaten immer mehr kritisiert – beispielsweise in Italien oder Polen. Ich plädiere dafür, dass das Duo weiterbesteht – aber nicht in einer Form, dass andere dabei ausgeschlossen werden.

Das Gespräch führte Albrecht Meier.

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