Deutschland und Frankreich vor dem G-20-Gipfel : Mut zum großen Europa

Macron hat es gezeigt: Europa ist nicht von gestern, sondern bleibt eine Vision. Deutschland und Frankreich können sie mit Leben füllen - schon beim G-20-Gipfel in Hamburg. Ein Kommentar.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Bundeskanzlerin Angela Merkel
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Bundeskanzlerin Angela MerkelFoto: Hannibal Hanschke/rtr

Jahre und Tage vergehen wie im Flug, Geschichte wird gemacht und ist schon wieder gestern. Und manchmal, so scheint es in der Rückschau, war das so viel besser als das Heute, und als das Morgen zu werden verspricht. Gestern, das war Helmut Kohl mit seiner Vorstellung vom Land, vom Kontinent und der Welt, in der wir leben. Ist nun, nach diesen Tagen, auch alles von gestern, wofür dieser Bundeskanzler stand? Die kommenden Tage, die der G20 in Deutschland, werden Aufschluss geben.

Bei allen Momenten der Enge, bei all dem Kleinen, das ihn auch ausmachte – das Große, das Kohl geschaffen hat, stand beim Abschied da wie eine Kathedrale des Politischen. Der Nachhall der Worte hat hinterlassen: Nur wenige haben je mehr erreicht, keiner vorher je Europa friedlich vereinigt in seinem Werden und Wollen. Und das nicht zuletzt, weil es noch einen gab, der die Größe des Vorhabens verstand, Europa als Friedensunion zu gestalten – François Mitterrand.

Als dieses Bild wieder neu erstand, das des Deutschen und des Franzosen, vermengte es sich; ganz so, als ob nie etwas ende, sondern immer von Neuem beginne. Wenn man es nur zulässt. Die Worte des jungen Staatspräsidenten Emmanuel Macron im Angesicht der Bundeskanzlerin des europäischen Deutschlands und ihres aus Europa kommenden deutschen Herausforderers – sie waren nicht weniger als eine Verheißung.

Europa ist möglich - friedlich und nicht nur auf dem Papier

Denn Papier ist für Macron Europa nur, wenn es nicht mit Leben, mit Leidenschaft gefüllt wird. Europa ist für ihn eine immer noch lebbare Vision vom bestmöglichen Zusammenleben in friedvoller Kooperation. Wer, wenn nicht wir, wann, wenn nicht jetzt – so kann zusammengefasst lauten, was Macron als Lehre aus Kohls Leben zieht. Baumeister an der Kathedrale des Politischen: wenn das keine Herausforderung zur Größe ist.

Umso besser, dass nun Frankreich seine Kräfte wieder aufbauen will. Frankreichs Präsident als Hüter der Grande Nation, beseelt vom Wunsch, sie wieder zu einer großen zu machen: Das ist Verheißung und Herausforderung in einem.

Deutschland und Frankreich prägen Europa

Genau das braucht Europa; und Deutschland braucht es auch. Europa, weil es das Tandem benötigt, um voranzukommen; Deutschland, weil ein Frankreich, das sich reformiert, daran erinnert, dass Stillstand bei Reformen Rückschritt bedeutet. Und wenn Deutschland nicht endlich weiter reformiert, wird es zurückfallen. Vielleicht hinter ein Frankreich, das bei Veränderungen endlich voranschreitet.

Und doch verdient Frankreich Solidarität über jedes nationale Konkurrenzdenken hinweg – womit dann ein Teil dessen vorm Vergessen gerettet wäre, wofür Kohl gelebt hat: Wer mit Kraft ins Internationale, Europäische, investiert, verhilft auch der eigenen Nation zum Besseren.

Der erste Schritt jetzt ist der nach Hamburg. Bei den G20 wird es nicht zuletzt auf Europa ankommen, um Fortschritte für die Welt zu erzielen; es wird ankommen darauf, dass Deutschland und Frankreich vorleben, was ihnen von der Geschichte aufgetragen ist. Macron hat es gezeigt: In der Hinsicht ist nichts von gestern. Auf allem, was war, lässt sich eine sogar noch bessere Zukunft aufbauen – mit dem Mut zum Großen.

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