[Kommentare: 4]

KEINE PERSPEKTIVE IN UNIFORM

Piloten und Ärzte fliehen aus der Armee

Bundeswehr hat Bewerbern wenig zu bieten: schlechte Bezahlung, wenig Freizeit. Das Militär ist für viele Hochqualifizierte nicht mehr attraktiv.
Anzeige
Bild vergrößern
In Afghanistan müssen die Soldaten ebenso so gut versorgt werden wie in der Heimat. -
Berlin - Die Bundeswehr in Afghanistan hat nicht nur mit den schwierigen Bedingungen vor Ort zu kämpfen. Die Führung der deutschen Truppe dort steht noch vor einem ganz anderen Problem: Der Bundeswehr laufen die höher Qualifizierten davon. Und damit wird auch der Einsatz am Hindukusch immer mehr ein organisatorischer Kraftakt. Schon jetzt ist die medizinische Versorgung in den Einsatzgebieten nach Ansicht von Wolfgang Petersen, Vorsitzender des Forums Sanitätsoffiziere, zum Teil problematisch.

Insgesamt 250 000 Soldaten stehen derzeit im Dienst der Bundeswehr. Davon sind mehr als 6 000 im Auslandseinsatz. Jeder Bewerber muss damit rechnen, jährlich für mehrere Monate im Ausland eingesetzt zu werden. Besonders bei hochqualifizierten Kräften wie Piloten oder Ärzten ist der Auslandseinsatz fast die Regel.

In Afghanistan müsse bei jeder Patrouille und jedem Außeneinsatz laut Order immer ein Arzt dabei sein, sagt Petersen. Das Problem sei aber, dass gar nicht genug als Notärzte ausgebildete Mediziner vor Ort seien. Ausgeglichen werde das dann durch Allgemeinmediziner, Ärzte mit anderen Spezialgebieten wie Radiologen, Hautärzten, Augenärzten oder sogar Ärzten, die sich gerade noch in der Facharztausbildung befinden, und die alle lediglich eine Einweisung in die Notfallmedizin bekommen haben. Um aber Soldaten im Ausland die gleiche Versorgung zusichern zu können wie in der Heimat, wären erfahrene Notärzte nötig.

Der Bundeswehrleitung sei das Problem bewusst, sagt Petersen, es würden auch erste Schritte getan. Dennoch verschlechtere sich die Lage, da viele junge Ärzte die Bundeswehr verließen, um in Universitätskliniken zu arbeiten. Zudem seien in zivilen Krankenhäusern zurzeit wieder mehr Stellen frei. Hauptgrund für den Ärzteschwund seien die schlechten Bedingungen bei der Bundeswehr, mit häufigen Auslandseinsätzen, hoher Überstundenbelastung und schlechter Vereinbarkeit mit einer Familie. „Meine Kollegen und ich haben in den letzten drei bis vier Jahren über 1500 Überstunden aufgebaut, bei 40 Tagen Urlaub, die wir noch haben“, beschreibt Petersen die Lage in der Unfallchirurgie des Bundeswehrzentralkrankenhauses in Koblenz.

Auch bei den Piloten gibt es offenbar verstärkte Abwanderungstendenzen. „Gerade erfahrene Piloten verlassen die Truppe“, sagt Thomas Wassmann, Vorsitzender des Verbands der Besatzungen strahlgetriebener Kampfflugzeuge. Im Kampfjet-Bereich sei das Problem am kleinsten. Vor allem Transportpiloten verließen die Bundeswehr. Auch einzelne Hubschrauberpiloten seien gegangen. Gerade diese Piloten kämen, nach kurzer Um- oder Weiterschulung, in der zivilen Luftfahrt an Stellen. Die Abwanderung von Transportpiloten habe man im Verteidigungsministerium durchaus erkannt, teilt ein Sprecher des Ministeriums mit. „Derzeit kann der normale Flugbetrieb in allen Bereichen aufrechterhalten werden“, versichert er. Man sei sich der verstärkten Konkurrenz mit zivilen Fluglinien bewusst und denke nun darüber nach, wie der Job wieder attraktiver gestaltet werden könnte. „Konkrete Maßnahmen sind bisher noch nicht eingeleitet worden“, fügt der Sprecher hinzu.

Die schlechte Bezahlung sei einer der wichtigsten Gründe, wieso Soldaten der Bundeswehr den Rücken kehren oder sich erst gar nicht dort bewerben, erklärt der Sprecher des Bundeswehrverbands, Wilfried Stolze. „Hochqualifizierte Menschen werden heute international gesucht.“ Und im Vergleich mit der freien Wirtschaft sähen die Bedingungen bei der Bundeswehr schlecht aus. „Bei vielen kommt außerdem Frust auf, wenn sie die Truppe kennenlernen“, sagt Stolze. Die Kombination aller negativer Faktoren stelle ein ernst zu nehmendes Problem für die Zukunft dar.

Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ist die Zahl der Bewerber im ersten Halbjahr 2008 um elf Prozent bei den Unteroffiziers- und Mannschaftsrängen gefallen, um 16 Prozent bei den Offizieren. Die Truppenstärke insgesamt zu halten, dürfte auch in naher Zukunft möglich sein. Das Problem liegt darin, die Qualität zu halten: „Die Bundeswehr muss schauen, dass sie die Leute bekommt, die sie will“, sagt Stolze. Dabei spiele neben der Ausbildung auch das Sozialverständnis der Bewerber eine Rolle, betont er. Rechtsextremisten sollen durch psychologische Test aussortiert werden. Ein weiteres Problem ist, dass immer mehr Bewerber körperlich nicht fit genug sind. Das Ministerium sieht bis jetzt keinen Bewerbermangel: „Die Zahlen liegen im Bereich der normalen Schwankungsreserve.“

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 07.09.2008)
Sie interessieren sich für dieses Thema und wollen keinen Artikel im Tagesspiegel dazu verpassen? » Informieren | » Login

Aus anderen Ressorts

Manipulierter Fußball:

Da kommt noch mehr, wetten?
Manipulation beim Fußball ist wie Doping. Beides verdirbt die Idee des Spiels. Ob sich alle an die Regeln halten und am Ende die beste Leistung zum Sieg führt, kann der Zuschauer nicht mehr wissen. Wie viele Spieler wohl an diesem Wochenende verdächtigt werden, denen der Ball unglücklich über den Fuß rutscht?

Untersuchungsausschuss:

Spreedreieck-Affäre: Strieder rechnet mit Nachfolgern ab
Ex-Bausenator Strieder will beim Spreedreieck frühzeitig gewarnt haben. Nachbarn des Areals klagen erneut.

Kommentare [ 4 ] Kommentar hinzufügen »

Comment
von unbekannt | 6.9.2008 21:37 Uhr
Als Kampfjetpilot muss man ja studiert haben .....
..... wieso denn dieses? Weil die Luftwaffe was besseres ist?
Comment
von alterschwede alterschwede ist gerade offline | 6.9.2008 22:02 Uhr
Was machen eigentlich die anderen 244.000?
Wie kann sich Deutschland militärisch eigentlich international engagieren wollen, wenn es schon beim Einsatz von nur 6000 Soldaten solche Probleme gibt? Schade, dass diese Situation nicht schon 1939 so war, denn mit nur 2,4% der Wehrmacht hätte Hitler weder halb Europa erobern noch den Feldzug gegen Moskau überhaupt beginnen können.
Ist es nicht ehrlicher zu sagen, wir bleiben gleich ganz zu Hause, wir kriegen das nicht auf die Reihe, weil die meisten offensichtlich einen Schreibtischjob haben??
Comment
von benutzernamenversager benutzernamenversager ist gerade offline | 7.9.2008 2:28 Uhr
244.000
Liegt wohl daran, das die restlichen (Wehrpflichtigen), die Leopards und Marder zu Tode warten. Aber mal ehrlich, die BW hat die Kurve zur universellen Eingreiftruppe noch nicht gebacken bekommen. Da sich meine persönlichen Erfahrung auf die Jahre 94 /95 stützt, kann ich behaupten, das sich das Material erheblich verbessert hat, die Ausbildung hat sich angepasst. Allein die Menschen passen evt. nicht mehr zur Weltsituation...
Alle möchten die Vorteile geniessen, keiner mehr dafür einstehen - in letzter Konsequenz!
Comment
von klaus_weiss klaus_weiss ist gerade offline | 7.9.2008 9:33 Uhr
@benutzernamenversager
Nun ja, der Vorteil, der uns aus dem Afghanistaneinsatz erwächst, ist zunächst einmal ein Versprechen Hoffnung nach einem Versprechen der Angst. Für virtuelle Sicherheit stirbt allerdings keiner gern.

Kommentar hinzufügen Neue Community-Funktionen Richtlinien


Sie können noch Zeichen schreiben.
Kommentare werden nicht sofort angezeigt. Beachten Sie hierzu unsere Richtlinien.

Um diesen Beitrag absenden zu können, müssen Sie eingeloggt sein.

Benutzername  
Passwort  
     
Sie haben noch keinen eigenen Account? Dann bitte
Geben Sie bitte folgende Daten ein, um sich zu registrieren und Ihren Kommentar zu speichern.
Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet, und nicht ohne Ihre Zustimmung an Dritte weitergegeben werden!

gewünschter Benutzername:
gewünschtes Passwort:
Wiederholung Passwort:
Email:


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wie viel ist 43 - 10 = 


Anzeige
Weitere Themen

Bafögsätze sollen steigen Lesezeichen hinzufügen

Die Bundesregierung will zum 1. Oktober 2010 das BAföG erhöhen. mehr...

Entsorgungsfragen Lesezeichen hinzufügen

Von Reimar Paul, Göttingen
Umweltschützer befürchten, das Bundesamt für Strahlenschutz könnte seinen ... mehr...

Von Nord-Wasiristan bis Berlin Lesezeichen hinzufügen

Von Frank Jansen, Erfurt
Geheimdienste fürchten Anschläge im Zusammenhang mit der ... mehr...

Mehr Bafög – und 300 Euro für die Besten Lesezeichen hinzufügen

Die Bundesregierung will das Bafög erhöhen und besonders leistungsstarke ... mehr...

Mohammed al Baradei: Der Aufseher Lesezeichen hinzufügen

Von Andrea Nüsse
IAEA-Chef Mohammend al Baradei steht vor dem Ende seiner Amtszeit - klare Worte ... mehr...
Fotostrecken

Franz Müntefering (20 Bilder)

Die Feierlichkeiten zum 9. November (19 Bilder)

Das neue Bundeskabinett (16 Bilder)

Die letzten Wochen der DDR (23 Bilder)

Schwarz-gelbe Koalitionsverhandlungen (10 Bilder)

Oskar Lafontaines politisches Leben (18 Bilder)
Mauerfall 1989 - Foto: dpa
Lesen Sie hier persönliche Geschichten aus dem Wendejahr