[Kommentare: 11]

FDP

Engelsgeduld und Höllentempo

Die FDP beschließt, in der Koalition mehr Profil und Schärfe zu zeigen – vor allem in der Steuerpolitik: Von ihren umstrittenen Plänen etwa zur Steuer- und Gesundheitsreform will die FDP nicht abrücken, sondern auf schnellere Umsetzung ihrer Wahlversprechen drängen.
Anzeige
Bild vergrößern
Alles im Griff? FDP-Chef Guido Westerwelle bei der Krisensitzung der Parteiführung am Sonntagabend im Berliner Reichstag. - Foto: dpa
Berlin - Als das streng abgeschottete Krisentreffen der Liberalen im Reichstag in der Nacht zum Sonntag zu Ende war, lobte Guido Westerwelle den Durchhaltewillen und die Geduld der Journalisten. Vier Stunden hatten sie bei klirrender Kälte vor dem an diesem Abend für Pressevertreter gesperrten Wallot-Bau ausgeharrt, während drinnen der Parteichef mit Präsidium und Fraktionsvorstand über einen Rettungsplan beriet, der die nach nur hundert Tagen Regierungsarbeit in Umfragen fast halbierte FDP stabilisieren soll. „Guten Abend zusammen“, rief Westerwelle, als er spät nachts aus der Drehtür trat: „Mein Gott, Sie haben ja lange ausgehalten.“ Sprach’s und verschwand in der Nacht, ohne zum Verlauf der Sitzung oder zu deren Ergebnissen irgendeine Auskunft zu geben.

Der Politiker, der der Geduld der Journalisten halb höhnisch, halb anerkennend Anerkennung zollte, hatte am Wochenende in programmatischer Form über die Grenzen seiner eigenen Leidensbereitschaft räsoniert. „Ich habe eine Engelsgeduld“, verkündete er in einem „Spiegel“-Interview. „Aber die FDP kann auch anders.“

Zwar galt die Drohung des Vizekanzlers vor allem der CSU, die immer wieder zentrale FDP-Projekte bremst. Doch dass die FDP angesichts ihrer Existenzkrise ihre Politik künftig „anders“ buchstabieren will, das machten am nächsten Tag Generalsekretär Christian Lindner und andere liberale Spitzenpolitiker deutlich, nachdem auch der Bundesvorstand der Partei die neue Aufstellung des kleinen Koalitionspartners gebilligt hatte: Von ihren umstrittenen Plänen etwa zur Steuer- und Gesundheitsreform will die FDP kein Jota abrücken, sondern im Gegenteil noch schärfer auftreten und auf schnellere Umsetzung ihrer Wahlversprechen drängen. Wenige Wochen vor den wichtigen Landtagswahlen von Nordrhein-Westfalen provoziert dieser Profilierungsversuch fast notwendigerweise Streit mit der Union – auch wenn CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe darin am Montag keine Kampfansage erkennen wollte und den Liberalen bescheinigte, sie hielten sich brav an den gemeinsamen Koalitionsvertrag.

„Wir sind der Auffassung, dass wir die Richtung unserer Politik in der christlich-liberalen Koalition fortsetzen wollen“, verkündete Lindner am Montag im Thomas-Dehler-Haus. Nur müsse noch schneller als bisher deutlich werden, wie die FDP die angekündigten Projekte konkret umsetzen wolle. Schließlich dränge auch die Parteibasis darauf, dass die Liberalen noch profilierter und schärfer innerhalb der Koalition auftreten. „Dass die FDP schneller konkret werden kann, das wird von uns schon erwartet“, meinte der Generalsekretär. Von internen Widerständen gegen die durchaus riskante Strategie wollte Lindner nichts wissen. „Es gab keine anderen Auffassungen, die in den Gremien geäußert worden sind“, versicherte er.

Mal offen, mal verdeckt machten liberale Spitzenpolitiker am Montag die Union für das angeblich mangelnde Reformtempo verantwortlich und kündigten an, die eigen Partei werde wieder „die Rolle des Motors“ übernehmen. Dabei richtete sich der liberale Furor nicht nur gegen den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers (CDU), der mit den Grünen liebäugelt und vor einem Kollabieren der Kommunalhaushalte nach einer Steuerreform mit Milliardengeschenken warnt. „Die Probleme des Landes sind zu groß und die Erwartungen der Menschen zu dringend, als dass wir uns an Machtspielchen zwischen Berlin und Düsseldorf oder München aufhalten sollten“, mahnte Generalsekretär Lindner. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle warf dem großen Koalitionspartner gar vor, er stehe nicht zum gemeinsam ausgehandelten Koalitionsvertrag. Und mit Verärgerung nahm die FDP-Führungsspitze zur Kenntnis, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ihren Umweltminister Norbert Röttgen auch noch in Schutz nahm, der zum Entsetzen der Liberalen die Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke infrage stellte.

Als wichtigstes Bewährungsfeld für ihren neuen Tempokurs hat die FDP die Steuerpolitik gewählt: Noch vor der NRW-Landtagswahl soll ein Parteitag Ende April eine Steuerreform präsentieren, die kleine und mittlere Einkommen entlastet. Auf die Steuerschätzung von Anfang Mai wollen die Liberalen deshalb nicht warten. Die, so verkündete Lindner kühn, werde „überbewertet“.



(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 09.02.2010)
Sie interessieren sich für dieses Thema und wollen keinen Artikel im Tagesspiegel dazu verpassen? » Informieren | » Login

Aus anderen Ressorts

Staatshaushalt:

Die Aufgaben des Herkules
1,7 Billionen Euro Schulden hat der deutsche Staat inzwischen angehäuft, den weitaus größten Teil in guten Zeiten und ganz ohne Finanzkrise. Die Europäische Kommission tut daher gut daran, angesichts grassierender Haushaltslügen klare Informationen darüber anzufordern, wie und wann Berlin den Schuldenentzug zu beginnen gedenkt.

DEUTSCHE DEBATTEN:

Generation Guru

18. März 1990:

Bewegende Geschichte

Poker-Raub:

Voller Einsatz
"Krass ist der schon", sagen sie auf der Straße über Ahmad El-A., einen der vier Gangster, die das Pokerturnier überfallen haben. "Aber das ist auch für den zu krass, oder?" Wie von einem dreisten Berlin-Coup nur Dummheiten übrig blieben.

Kommentare [ 11 ] Kommentar hinzufügen »

Comment
von gerald gerald ist gerade offline | 8.2.2010 18:06 Uhr
Endlich
Endlich wird mal wieder Politik für diejenigen gemacht, die den Staat bezahlen und tragen und nicht mehr nur die rote Klientel bedient nach dem Motto: je mehr Transferempfänger wir haben, um so mehr Wähler haben wir für rot-rot-grün.
Und in Punkto Bestechung sage ich nur: Spende von VW an die SPD so kurz vor der Verabschiedung der Abwrackprämie.
Comment
von Mehrwertsteuerrad Mehrwertsteuerrad ist gerade offline | 8.2.2010 21:23 Uhr
@ gerald
von Mercedes je 150.000 € an CDU und SPD FDP 200.000 €
BMW gab der SPD 151.000 Euro, der CSU 147.000, der CDU 110.000 und der FDP 54.000 Euro
Neben der FDP hat auch die CSU hohe Spenden aus dem Umfeld der Hotelunternehmer-Familie Finck kassiert. Bei den Christsozialen gingen nach Angaben der Bundestagsverwaltung im September 2008 zwei Großspenden von zusammen 820.000 Euro ein. Das Geld kam von zwei Münchner Firmen: der Clair Immobilien Deutschland und der Mercator Verwaltung. Beide Unternehmen zählen zum Finck-Imperium, das wiederum Miteigentümer der Gastronomie- und Hotelkette Mövenpick ist.

Aus dem Handelsblatt:
http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/parteispenden-die-groessten-profiteure-und-ihre-goenner;2514477#bgStart

Man sieht förmlich den Zusammenhang zwischen der Abwrackprämie und den Spenden an die SPD und CDU.

Da vergleichen Sie Äpfel mit Birnen, bitte vorher informieren bevor ma hier etwas behauptet. :-)
Comment
von eilbekermicha eilbekermicha ist gerade offline | 10.2.2010 0:39 Uhr
gerald
Aha, mit dem Thema Spenden gehen Sie sinngemäß genauso um wie Westerwelle: 'Was wollt ihr denn? Es machen doch alle!'
Das Parteiengesetz und die Spenden sind ein großes Problem aller Parteien und nicht zuletzt der CDU. Wer im Glashaus sitzt, sollte vorsichtig sein.
Übrigens trägt die große Masse der "kleinen Leute" den Staat zu einem gehörigen Anteil. Die sind Ihrer Meinung nach bisher stets bevorzugt worden, ja?
Meinen Sie denn, es ist eine Lüge, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auf geht?! Genau das ist Schwarz-gelbe Politik und unser Problem: Die, die haben, bekommen. Die, die wenig haben, bekommen wenig und in Zukunft immer weniger.
Diese Politik, n i c h t Bedürftigen etwas zukommen zu lassen, wird praktiziert bei leeren Staatskassen und einem Schuldenstand, der keinen heute lebenden Bundesbürger ein schuldenfreies Deutschland erleben lässt. X Gelehrte haben, seit Schwarz-Gelb an der Regierung ist, vorgerechnet, dass diese Leute, der Mittelstand, das zusätzliche Geld kaum in den Kreislauf bringen werden.
Doch die Tigerente hat ihre Glaubenssätze und ignoriert tapfer die Realität.
Comment
von hannibal hannibal ist gerade online | 8.2.2010 18:55 Uhr
Höllentempo?
Wahrscheinlich so schnell, dass keiner etwas sieht und dass keiner etwas spürt.
Comment
von unbekannt | 8.2.2010 19:03 Uhr
Guido
Spikes bitte nicht vergessen, es ist sehr glatt draußen! Gratuliere zum Erfolg des Projekt 8 Prozent! Selbst die sind bei diesem sagenhaften Klientelmurks noch klar zu freundlich.

Wie viel zusammen machen denn eigentlich Hotels, Pharma, Steuerberater, Rechtsanwälte?
Comment
von berggeist berggeist ist gerade online | 8.2.2010 21:26 Uhr
Ja Spikes nicht vergessen, ...
es ist schon recht glitschig und wird noch glatter. Beim Absturz hilft aber dann nur ein Fallschirm, wenn er sich öffnet. :D

Berggeist
Comment
von dali dali ist gerade online | 8.2.2010 19:26 Uhr
Soll er nur aufdrehen
wenn er dies weiterhin so "geschickt macht wie bsiher,
könnte er es tatsächlich schaffen, die FDP wieder unter die 5%-Hürde zu bringen...
Comment
von berggeist berggeist ist gerade online | 8.2.2010 21:23 Uhr
Man sollte die FDP ...
mal einige Stunden, Tage oder Wochen auf dem haverierten Reaktor in Tschernobyl reiten lassen, damit sie die Atomenrgie beherrschen lernt. "GGG"

Berggeist
Comment
von Mehrwertsteuerrad Mehrwertsteuerrad ist gerade offline | 8.2.2010 21:30 Uhr
Guido go home
Guido hat solange auf die Regierungsverantwortung gewartet, das er nun in eine Schockstarre, ähnlich eines Blackouts in Prüfungen, verfallen ist.

Das ist ganz natürlich und wird demnächst hier mit 4,9% in NRW belohnt.
Die TT Nr.1 hat sich auch schon nach Ersatz umgeschaut und findet die Aussichten grün.
Den die Rote Hannelore wird es wohl nicht schaffen, Ihre Genossen noch auf Augenhöhe zur CDU zu schwingen.
Obwohl Sie mit dem Thema Bildung, bei vielen Eltern offene Türen einrennt nach dem Sommertheater der letzten Jahre.
Comment
von eilbekermicha eilbekermicha ist gerade offline | 9.2.2010 2:25 Uhr
Je schneller...
sie gegen die Wand fahren, desto stärker werden sie den Aufprall spüren. Die FDP will es sich offenbar so richtig geben. Sie braucht diesen Knall. Zum Wachwerden.
Comment
von raibert raibert ist gerade offline | 9.2.2010 16:39 Uhr
Eine Spaßpartei FDP
braucht niemand in diesem Land, außer vielleicht Mövenpick & Co.

Kommentar hinzufügen Neue Community-Funktionen Richtlinien


Sie können noch Zeichen schreiben.
Kommentare werden nicht sofort angezeigt. Beachten Sie hierzu unsere Richtlinien.

Um diesen Beitrag absenden zu können, müssen Sie eingeloggt sein.

Benutzername  
Passwort  
     
Sie haben noch keinen eigenen Account? Dann bitte
Geben Sie bitte folgende Daten ein, um sich zu registrieren und Ihren Kommentar zu speichern.
Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet, und nicht ohne Ihre Zustimmung an Dritte weitergegeben werden!

gewünschter Benutzername:
gewünschtes Passwort:
Wiederholung Passwort:
Email:


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wie viel ist 12 x 2 = 


Anzeige
Weitere Themen

Ex-Generalinspekteur belastet Guttenberg Lesezeichen hinzufügen

Von Robert Birnbaum
Der entlassene Bundeswehr-Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan hat sein ... mehr...

Vergeltungsakt überschattet Treffen des Nahost-Quartetts Lesezeichen hinzufügen

Internationale Politiker beraten über den stockenden Friedensprozess in Israel ... mehr...

Politikerin der Linken wird doch Deutsche  Lesezeichen hinzufügen

Von Reimar Paul
Zweieinhalb Jahre nach ihrem Antrag auf Einbürgerung bekommt die ... mehr...

Ziel der Aufklärung Lesezeichen hinzufügen

Von Robert Birnbaum
Vor dem Kundus-Ausschuss rechtfertigt Ex-Generalinspekteur Schneiderhan sein ... mehr...

Paris lehnt Merkel-Plan für Euro ab Lesezeichen hinzufügen

Von Christopher Ziedler
Im Vorfeld des EU-Gipfels in der kommenden Woche verschärft sich der ... mehr...
Fotostrecken

Generaldebatte im Bundestag (22 Bilder)

Thailand (9 Bilder)

Dresden im Ausnahmezustand (11 Bilder)

Die glorreichen Sieben (7 Bilder)

100 Tage Schwarz-Gelb (16 Bilder)

Taliban attackieren Kabul (7 Bilder)
Mauerfall 1989 - Foto: dpa
Lesen Sie hier persönliche Geschichten aus dem Wendejahr