In einer Aktuellen Stunde wollte die Opposition im Bundestag über die Gesundheitspolitik von Schwarz-Gelb debattieren - speziell über die Zusatzbeiträge der Krankenkassen. Doch der entscheidende Gegner auf der Regierungsbank fehlte.
Berlin -
Berlin - Bei den Zusatzbeiträgen sitzt die SPD im Glashaus, doch das scheint deren Expertin Carola Reimann nicht weiter zu stören. „100 Tage Rösler“, so polemisierte die Vorsitzende des Gesundheitsausschusses, „heißt für Millionen von gesetzlich Versicherten fast 100 Euro mehr Beitrag.“ Die angekündigten Aufschläge der Krankenkassen bringen FDP-Gesundheitsminister Philipp Rösler, obwohl von der großen Koalition ersonnen, zunehmend unter Handlungsdruck.
Von dem Ressortchef war am Freitag nur via „Bild“-Zeitung zu erfahren, dass er die Zusatzbeiträge für „unsozial“ hält – und als Gegenmittel seine Kopfpauschale samt Sozialausgleich empfiehlt. Dem Schlagabtausch in einer von den Grünen beantragten Aktuellen Stunde ging Rösler aus dem Weg. SPD, Grüne und Linke indessen nutzten die Debatte, um der Regierung Untätigkeit vorzuwerfen — und sie aufzufordern, jetzt zumindest gegen überhöhte Arzneipreise vorzugehen. Auch vom Koalitionspartner aus München kamen scharfe Handlungsanweisungen. Rösler müsse die Beteiligten an einen Tisch holen, forderte CSU-Chef Horst Seehofer in der „Passauer Neuen Presse“. Nötig seien „verbindliche Vereinbarungen über Kostendämpfung und Einsparungen im Gesundheitswesen“.
Dass dabei alle als Erstes an die Pharmabranche denken, ist kein Zufall. Den Ärzten oder Klinikbetreibern auf die Füße zu treten, wäre weit unpopulärer. Und unergiebiger: Medikamente sind der zweitgrößte Ausgabeposten der gesetzlichen Kassen, und sie haben die höchsten Kostensteigerungsraten. Für dieses Jahr ist wieder ein Ausgabenzuwachs von 6,1 Prozent anvisiert. „Wenn man eine Stellschraube bei den Kosten sucht“, sagt die Vorstandschefin der Barmer GEK, Birgit Fischer, „dann ist sie eindeutig hier zu finden.“
Mehr als 30 Milliarden Euro haben die Kassen im vergangenen Jahr für Medikamente ausgegeben. Und laut Arzneimittelreport ließen sich davon mindestens 6,1 Milliarden sparen – rein rechnerisch sind das 0,6 Beitragssatzpunkte. Doch im Koalitionsvertrag ist vom Sparen im Pharmabereich nur vage die Rede. Man wolle „die Chancen innovativer Arzneimittel künftig besser nutzen, ohne die Finanzierung der Krankenversicherung zu gefährden“, heißt es darin. Und: „Vereinbarungen zwischen Krankenversicherung und pharmazeutischen Herstellern können ein Weg sein, um dieses Ziel zu erreichen.“
Rösler hat mehrfach betont, dass er von verordneter Kostendämpfung nichts hält – egal in welchem Sektor. Doch allmählich muss er handeln. So kündigt er nun an, darüber diskutieren zu wollen, „wie die Effizienz im Pharmabereich verbessert werden kann“. Man werde „Einsparpotenziale suchen und für die Versicherten nutzen“ – dabei aber „intelligenter“ vorgehen als früher, sagte Rösler der „Frankfurter Allgemeinen“ – nämlich „in fairem und wettbewerblichem System“.
Will heißen: Kassen und Pharmaindustrie sollen selber zu Potte zu kommen. Das ist zwar nicht der Druck, den sich Opposition und CSU wünschen, kommt aber den großen Versicherern entgegen. Auch sie verhandeln lieber direkt mit den Herstellern, als sich staatlichen Vorgaben zu unterwerfen. Allerdings findet es die Barmer-Chefin nicht gerade förderlich, dass das Ministerium als Erstes auf die Pharmaindustrie zugeht. Auch das sei ein Signal, sagte Fischer dem Tagesspiegel.
Daneben produziert das Ministerium Widersprüche. Während Rösler die Rabattverträge für Nachahmerpräparate lobt, kündigt sein Staatssekretär Daniel Bahr an, diese unterlaufen zu wollen. „Warum sollten die Versicherten nicht das Recht haben, gewohnte Medikamente zu erhalten und dafür die Mehrkosten zu zahlen?“, fragt er. Wer Patienten in der Apotheke Wahlmöglichkeiten eröffnen wolle, untergrabe das erfolgreiche Rabatt-Instrument, kontert Fischer. Die Firmen ließen sich nur auf Niedrigpreise ein, wenn man ihnen hohe Abnahmemengen garantiere. Das sieht auch die Union so. „Rabattverträge leben davon, dass Masse gemacht wird“, sagte Fraktionsexperte Jens Spahn dem Tagesspiegel. Rabattverträge erhalten und gegen Aufpreis freie Arzneiwahl ermöglichen zu wollen, schließe sich aus.
Die Hersteller versuchen derweil, die Erwartungen zu dämpfen. „Es hilft nichts, immer zu sagen, die Pharmabranche muss sparen“, heißt es beim Verband der Pharmazeutischen Industrie. In bestimmten Bereichen könne nicht weiter gekürzt werden. Allerdings sei man offen für Preisverhandlungen bei patentgeschützter Arznei. Das dürfte den vorsichtigen Minister immerhin hoffnungsfroh stimmen – denn diese Medikamente sind die teuersten.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 30.01.2010)
Kommentare [ 40 ] Kommentar hinzufügen »
Kaum zu glauben, dieser Minister zeigt irgendwelche abstrusen Vorstellungen von einer Reform. Wie das ganze vernünftig und stabil zu realisieren wäre, davon fehlt ihm allerdings noch jede Vorstellung.
Oh doch, das darf nicht unterschlagen werden. Eine Vorstellung beherrscht er sichtbar und glänzend: Nämlich die, sich erfolgreich den Erfolgsvorstellungen der Pharmaindustrie zu nähern.
Die schafft es wirklich,die Kuh die schon geschlachtet ist noch
einmal zur Schlachtbank zu führen.
epunion
nielas hat nichts anderes drauf, als zu allen Artikeln dieses bürokratische Monster anzupreisen. Das kann schon gar nicht kommen, da dieses andere Highlight dieser Regierung, Brüderle, doch den Bürokratieabbau genauso predigt, wie seine Steuersenkungen.
Letztlich würde die Kopfpauschale rückwirkend der Steuerzahler finanzieren müssen.
Die Kopfpauschale nutzt nur wenigen und schadet vielen.
Rat- und rastlos wird in der Schweiz das Gesundheitswesen reformiert - eine Dauerbaustelle. Dabei glaubten die Eidgenossen, mit der Großreform im Jahr 1996 würde alles besser werden.
Im Durchschnitt muss jeder erwachsene Schweizer etwa 250 Euro für die obligatorische Grundversicherung zahlen. Hinzu kommt eine generelle Franchise (Selbstbehalt) von 300 Franken im Jahr sowie eine Eigenbeteiligung von zehn Prozent der Behandlungskosten - bis zu einer Grenze von 700 Franken, bei Kindern und Jugendlichen 350 Franken. Immer mehr Familien sind damit finanziell überfordert. 2010 steigen die Prämien schweizweit im Schnitt um 8,7 Prozent. Im vergangenen Jahr mussten die Kantone bereits 3,4 Milliarden Franken für Prämienverbilligungsprogramme aufbringen.
Quelle :
http://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/gp_specials/jahresendausgabe-2009/article/581470/schweizer-ihrer-kopfpauschale-kreuzungluecklich.html
Vor allem aber ist die Kopfpauschale selbstverstänclih nich tin jeder Ausgestaltung eine eierlegende Wollmilchsau die Jahrzehnete lange immer super funktioniert. Die Zahlen die da stehen sind recht wenig aussagekräftig, außer dass das System in der Schweiz natürlich auch immer wieder angepasst werden muss.
Ich persönlich denke nicht, das die Kopfpauschale die Antwort auf alle Fragen ist. Trotzdem halte ich das Prinzip einer Solidarität der Gesunden mit den Kranken für eine Versicherung sinnvoll, mit einer steuerfinanzierten Unterstützung für diejenigen, die sich sonst die Grundversorgung nicht leisten können. Diese Steueruntersützung sorgt dann auch wieder für einen rein sozialen Ausgleich, nicht für die Gesundheitsversorgung an und für sich, sondern für das gesamtstaatliche Zahl einer allgemeinen Gesundheitsversorgung.
Der Teufel liegt dann natürlich im Detail. Und selbstverständlich würde es nicht allen Entwicklungen unverändert trotzen können. Aber das Prinzip ist meiner Ansicht nach gut. In jedem Fall besser, als das derzeitige, dass ohnehin schon am Ende ist. Und wirklich ungerecht ist. In jeder erdenklichen Art.
Meine Empfehlung an Hr. Rösler: bitte verschwinden Sie so schnell wie möglich aus der Bundesregierung und machen Platz für einen kompetenten Nachfolger.
uthi hat das gut beschrieben. Ich hoffe nur, dass die Opposition jetzt auch tatsächlich eine ist und Rösler in die Enge treibt. Sie muss von ihm fordern, mehr zu tun, als nur seine Klientel zu bedienen und sie muss Haushaltsdisziplin von ihm fordern. Die ist der FDP nämlich fremd.
Aber das ein FDP-Minister sich nicht für die Interessen der gesetzlich Versicherten einsetzt überrascht ja nicht wirklich.
FDP halt...
Und wenn man bedenkt das FDP-Mitglieder bei der DKV Rabatt bekommen, nur aufgrunddessen das sie Mitglieder der FDP sind.
Na das is doch dreistester Lobbyismud der übelsten Sorte.
Die Bürger sind Geisel der Gesundheitslobby, die keine Hemmung hat unser Gesundheitssystem „krachen“ zu lassen. Diese Industrie ist mittlerweile soweit in unser politisches System eingedrungen, dass nichts dagegen unternommen werden kann. Es bestehen finanzielle Abhängigkeiten – nicht nur bei der FDP.
Herr Rösler saß sehr angespannt auf seinem Platz, selbst dann, wenn ihn die FDP-Gesundheitsexpertin lobte.
Wir sollten bei der Wahrheit bleiben, lieber TSP. Entweder hat Herr Woratschka bei der Debatte geträumt oder falsch abgeschrieben. Herr Rösler war auch schon vor dieser Debatte auf seinen Platz auf der Regierungsbank.
Auch ich neige dazu, ihm wenig Kompetenz für diesen Job zuzuschreiben.
Der Wähler hat aber entschieden. Da müssen wir durch.
wahrscheinlich weil er seinem Geburtsland auch lieber Regierungs-Zerteilung und Shuttle zwischen Saigon und Hanoi wünschte, wie er es so schön EINZIG in Deutschland umsetzen kann.
Wie man sieht, bringt aber leider die Reiserei keine besseren Gedanken.
Die Mannschaft lauter meineidige Halunken,
Der Funker zu feig' um SOS zu funken.
Klabautermann führt das Narrenschiff
Volle Fahrt voraus und Kurs auf's Riff. ...
Reinhard Mey - Das Narrenschiff
Friedrich Wilhelm Nietzsche
Hoffe aber er legt uns seinem Arbeitgeber nun auch ein Attest vor.
Er sinnierte ueber seiner Kopfpauschale und wie er uns als Volk dieselbe sinnvoll erklaeren wird.
Schließlich muß er uns ja auch jene Kopfpausche und den daraus resultierenden Mehraufwand an Verwaltung (Buerokratieabbau?)fuer ca. 80 Prozent der bislang gesetzlich Versicherten (Solidaritaetsprinzip?)schmackhaft machen.
Die Gesundheit wird an die Versicherungskonzerne verkauft.
Fragt man sich ob diese Bundesregierung wirklich Legitim ist.
Und Parteien finanziell abhängig? Ja dann stimmt was am System der Parteifinanzierung nicht und man könnte sich neu positionieren, aber selsbt das ist nicht gewollt. Es ist die Gier die viele antreibt.
Nun sind wir verwirrt und enttäuscht was da so kommt.
Wir protestieren und streiken weil wir unseren Guttenberg wieder haben wollen in der Wirtschaft.
Der hat mehr mehr Anstand,Wissen und Gefühl für die Sache.
Ah ja. Lustig. Sie.
Und... bei der FDP bekommt man noch etwas für sein Geld.
Und bei der Pharmaindustrie gibt es natürlich auch noch Sparpotenzial. Aber davon ist ein FDP-Minister bestimmt nicht begeistert von.