Das damalige SED-Politbüromitglied Günter Schabowski spricht im Tagesspiegel-Interview über den 9. November 1989, seine Rolle bei der berühmten Pressekonferenz - und das Experiment Sozialismus. Eine Abrechnung.
Herr Schabowski, wie geht es Ihnen?
Ich bin achtzig Jahre alt. Im letzten halben Jahr bin ich durch viele Krankenstationen gewandert. Gemessen daran, geht es mir schon wieder einigermaßen gut.
Was für ein Tag ist der 9. November 1989 für Sie?
Der 9. November 1989 ist für mich ein Tag, auf den ich mit Genugtuung und auch mit einem gewissen Stolz zurückschaue. Immerhin hilft er mir heute, die Zeit zu überstehen, wenn man so will. Es gibt Menschen, die durchaus die Rolle von mir auf dieser Pressekonferenz als Versuch respektieren, die Spaltung zwischen Ost und West zu überwinden. Darüber freue ich mich. Die Linkspartei ist der Meinung, dieser Schabowski ist ein Verräter und Schweinehund. Aber es gibt auch hinreichend viele Menschen, die zu mir sagen: Schabowski, ich drücke Ihnen die Hand, ich bin beeindruckt davon, dass Sie sich zu diesem Zeitpunkt aufgerafft haben, diesen Schritt zu vollziehen. Und das, obwohl alles darauf Folgende für manchen durchaus negative Auswirkungen hatte. Aber es ist ein Stück Anerkennung für mich, die mir gut tut.
Im Vorfeld des 9. November hatte die SED ja noch einmal versucht, das Ruder kräftig herumzureißen, indem der Mann an der Spitze von Partei und Staat, Erich Honecker, gestürzt wurde ...
Honecker wurde am 17. Oktober 1989 abgesetzt. Das war der entscheidende Punkt des Wandels in der Führung der SED. Und es war der Beginn dessen, was sich später als Katastrophe für die SED herausstellte, weil es nämlich ihren Einbruch und den Untergang der DDR einleitete.
Weil Krenz nicht die Lösung war, die man dem Volk anbieten konnte ...
Krenz war auch in der Runde des Politbüros nicht beliebt. Er war in seinem Verhältnis zu Honecker ein eher devoter Typ.
Aber waren das nicht alle in der SED-Führung?
Es gab schon Unterschiede. Es gab Leute, von denen man meinte, sie wären in der Lage, die DDR fortzusetzen, und von anderen wusste man, dass sie dazu nicht fähig waren. Aber auf Krenz einigte man sich in der Parteiführung relativ schnell – nicht etwa, weil er als besonders schlau oder standhaft gegolten hätte. Vielmehr war er ein Kompromisskandidat, von dem man dachte, dass man ihn am ehesten wieder loswerden würde. Denn er hatte keine Fürsprecher im Politbüro. Dort saßen ja auch alte Knacker und Dummköpfe, mit denen man ohnehin keine Politik machen konnte. Von Krenz dachten wir, wir würden ihn am schnellsten absetzen können, wenn sich herausstellten sollte, dass wir eine andere Führung brauchten.
Krenz konnte die SED also nicht retten. Wichtiger war eine neue, von der Bevölkerung akzeptierte Reiseregelung. Den Entwurf gaben Sie auf der historischen Pressekonferenz bekannt. Wann wurde Ihnen die ganze Tragweite dieses Augenblicks bewusst?
Die ist mir erst deutlich später bewusst geworden, wann genau, kann ich nicht mehr sagen. Mir war natürlich damals klar, dass das ein relativ einschneidender Schritt war. Es ging um die Reiseregelung, die die Konfrontation zwischen Ost und West beendete. Und wir waren uns im Klaren, dass daraus eine Entwicklung wird, bei der wir uns mit dem Westen arrangieren müssen. Allerdings noch unter den Bedingungen einer deutschen Teilung mit einer souveränen DDR. Auch Gorbatschow war der Auffassung, dass es nötig sei, sich mit dem Westen zu arrangieren, und auch er stellte sich nicht die Frage: Wo bleibt dabei der Sozialismus? Mir war in dem Augenblick damals nicht bewusst, dass das den Punkt markierte, an dem sich die Teilung der Welt aufzulösen begann.
... und auch nicht, dass damit der Weg zur deutschen Einheit eingeschlagen wurde?
Mir war klar, dass wir uns in dem Augenblick, in dem die Bürger der DDR in die Bundesrepublik reisen konnten, mit der Bundesrepublik versöhnen würden. Ich habe mir damals noch etwas darauf eingebildet, dass ich das den Menschen mitteilen konnte: Also, liebe Bürger, solche Schweinehunde sind wir gar nicht, plötzlich werden wir normal, und ihr dürft alle reisen.
Das heißt, die SED wollte sich damit in erster Linie mit dem DDR-Volk versöhnen?
Völlig richtig. Die SED und die Bonzen waren in extremster Weise in Konfrontation mit der Bevölkerung der DDR. Denn in dieser Phase spitzte sich das Bedürfnis der Menschen zu, endlich in den Westen reisen zu können. Aber es gab eben von uns auch das enorme Bedürfnis, endlich mit diesem anderen Staat umgehen zu können.
Egon Krenz sagt, er habe Ihnen vor der Pressekonferenz mitgeteilt, dass es für die Meldung zur neuen Reiseregelung eine Sperrfrist gibt. Hat er oder hat er nicht?
Die Beratungen im Politbüro an diesem Tag führten zu dem Papier, aus dem ich dann auf der Pressekonferenz zitiert habe. Krenz hat es mir vor der Pressekonferenz gegeben – ohne ein Wort von einer Sperrfrist, nichts dergleichen. Im Nachhinein hat er versucht, sich vor den Gremien damit zu rechtfertigen, dass er mir das Papier übergeben hätte und dabei sei eine Sperrfrist gewesen. Natürlich wäre eine Sperrfrist angemessen gewesen, wenn wir drei, Siegfried Lorenz, der Parteichef aus Karl-Marx-Stadt, Krenz und ich, uns darauf geeinigt hätten. Ich war der Wortführer nach außen. Und als mir die Frage gestellt wurde, ab wann das gilt, sagte ich: Das gilt meines Erachtens ab sofort, unverzüglich.
... weil Sie es in diesem Moment nicht besser wussten.
Ja, weil ich es nicht besser wusste. Und weil die Führung darauf eingestellt war, die Reisen zu genehmigen. Selbst wenn sie es am nächsten Tag getan hätte, hätte das nichts geändert. Denn das war die Veränderung des Systems. Und es hat mich so verflucht geärgert, dass Krenz dann herumzeterte, er hätte das nicht gemacht.
Waren Sie überrascht, dass das an diesem Abend einen solchen Massenansturm an der Grenze auslöste?
Ich war eher überrascht davon, dass sich das alles so relativ vernünftig entwickelte. Das war ja noch alles verbunden mit der Vorstellung, die DDR bleibe erhalten, Kapitalismus und Sozialismus würden sich vertragen, es gibt eine Möglichkeit des Arrangements zwischen beiden Systemen.
Hatten Sie die Sorge, dass die Russen eingreifen könnten, oder hatten Sie Signale aus Moskau, dass sie diese Entwicklung akzeptieren?
Sie wussten, dass wir ein neues Reisegesetz verabschieden würden. Gorbatschow selbst hatte uns ja veranlasst, zu solchen Kompromissen zu kommen. Honecker war dazu viel zu stur gewesen. Gorbatschow hat uns gewissermaßen den Weg dorthin gewiesen. Allerdings betraf das zum damaligen Zeitpunkt noch nicht die deutsche Einheit. Es war nicht die sowjetische Vorstellung, dass wir uns sofort vereinen und einen neuen Faktor in Europa, nämlich ein geeintes Deutschland, schaffen würden. Da gab es eher Hindernisse und Vorbehalte von sowjetischer Seite.
Was ist in den vergangenen zwanzig Jahren falsch gelaufen im Ost-West-Verhältnis und -Verständnis?
Mit diesem Aspekt befasse ich mich nicht. Die Bundesrepublik hat sich so entwickelt, wie sie sich entwickeln musste – ohne bestimmten Vorsatz. Wenn man schon wieder mit einer programmatischen Vorstellung kommt, gerät man sofort wieder in eine solche Entartungssituation. Es geht nicht darum, was richtig und was falsch gemacht wurde. Woran will man das messen? Eine Gesellschaft entwickelt sich von selbst, und sie macht dabei Fortschritte und Fehler, das ist das Leben einer Gesellschaft. Wenn man ihr Vorschriften machen wollte, wie sie zu existieren hat, würde das früher oder später zum Scheitern führen.
Weil das immer mit Repression und Unfreiheit verbunden ist?
Mit Repression, mit Einschränkung. Ich sage es noch einmal: Es gibt keine ideale Gesellschaft. Es gibt nur eine mit mehr oder weniger Einwänden. Die Konsequenz ist: Jeder Versuch, eine sozialistische Gesellschaft, eine Gesellschaft nach einer Rezeptur zu bilden, ist zum Scheitern verurteilt.
Trägt deshalb Ihr kürzlich erschienenes Buch den Titel „Wir haben fast alles falsch gemacht“?
Ehrlich gesagt, ich halte den Titel, den der Verlag gewählt hat, für falsch. Das hört sich so an, als hätten wir einiges richtig gemacht. Ich bin aber grundsätzlich anderer Auffassung.
Nämlich?
Ich bin der Meinung, dass wir alles falsch gemacht haben. Weil der Versuch, ein sozialistisches Gesellschaftskonstrukt zu schaffen, von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Der Mensch ist nicht in der Lage, seine Egoismen auszuschalten, und deshalb ist Sozialismus immer ein falscher Versuch.
Es gab also auch für die DDR keine Rettung, keinen Zeitpunkt für Reformen, den man schlicht verpasst hat?
Nein, das ganze Experiment war zum Scheitern verurteilt. Zu glauben, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt die Gesellschaft ideal zu formen sei, ist eine Illusion.
Eine Illusion deshalb, weil die Menschen gar nicht mitgehen?
Genau. Es gibt natürlich einzelne Menschen, die Idealvorstellungen haben, aber sie sind nicht imstande, auch eine Idealgesellschaft zu formen.
Es war aber eine Illusion, die relativ viele Menschen damals geteilt haben.
Nicht nur damals, auch heute teilen sie noch einige. Von den 2,3 Millionen Parteimitgliedern, die die SED zu DDR-Zeiten hatte, sind 50 000 letztlich übrig geblieben. Der allergrößte Teil hat also relativ schnell begriffen, dass es nicht besser wird mit dem Sozialismus. Und die, die jetzt in der Linkspartei vereint sind, haben noch keine Konsequenzen aus dem gescheiterten Sozialismus-Experiment gezogen, gar keine.
Aber die Linkspartei hat Zulauf.
Das stimmt und auch das ist ein Ausdruck für die Unvollkommenheit der Menschheit. Schließlich wird diese Partei ja sogar von denen gewählt, die eigentlich überzeugt sein müssten, dass deren Vorstellungen keinen Zweck haben.
Das heißt, Sie gestehen der Linken ihren Platz in der Opposition zu, aber nicht in der Regierung?
Ich gestehe ihr ihren Platz in der Gesellschaft zu. Ich kann sie mir sogar in einer Regierung vorstellen. Aber sie wird es niemals schaffen, eine ideale Gesellschaft zu formen. Außerdem muss man auch mal, bei allem Aufstieg der Linken, realistisch bleiben. Die Mehrheit der Gesellschaft pfeift auf die Vorstellungen der Linken. So viel sind 20 Prozent Wählerstimmen nämlich auch wieder nicht. Außerdem hat sich ja auch die Linke von sozialistischen Vorstellungen verabschiedet, auch von ihrer Terminologie. Die Linkspartei möchte nur das abschöpfen, was von den sozialistischen Träumen übrig geblieben ist, um daraus politischen Gewinn zu ziehen.
Wie viel SED steckt noch in der Linkspartei?
Eine Menge. Von den 50 000 sind 30 000 bis 40 000 noch Anhänger der SED. Wie ich die Dinge sehe, wird sie empören. Weil ich mit angeblich so edlen Zielen so rigoros umgehe und mich davon löse. Viele in der Linkspartei sind nicht bereit, sich mit den negativen Konsequenzen des Sozialismus und der SED auseinanderzusetzen.
Bietet nicht die Wirtschafts- und Finanzkrise einen Nährboden für neue sozialistische Träume?
Das sind Unzulänglichkeiten der jetzigen Gesellschaft, das stimmt. Die auch verändert werden müssen. Aber eine Illusion über eine bessere, eine ideale Gesellschaft bringt keine Lösungen. Solche sozialistischen Vorstellungen haben vielleicht die Funktion, negative Erscheinungen einer Gesellschaft zu korrigieren, aber sie werden letztlich nicht zu einer besseren Gesellschaft führen. Ich halte den Kommunismus als Modell für gescheitert. Ob aber diese Illusion noch einmal auflebt, kann man nicht voraussagen, jedoch muss man damit rechnen. Die Menschheit wird immer wieder auch Dinge fertigen, die nicht funktionieren.
Sie sind der Einzige aus der ehemaligen SED-Führungsriege, der so einen radikalen Bruch vollzogen hat. Warum sind es nicht mehr?
Das kann ich nicht beantworten. Ich habe die DDR auch als Experiment betrachtet. Und das habe ich bis zum Exzess ausgekostet. Wir hatten die Zeit und die Möglichkeiten, dieses sozialistische Experiment einzugehen. Und nicht nur wir. Man kann sagen: Von der Oder bis nach Kamtschatka, dieses ungeheure Gebiet mit all seinen – auch materiellen – Möglichkeiten war der Ansatz für eine sozialistische Gesellschaft. Und sie ist von Kamtschatka bis an die Oder gescheitert. 80 Jahre hat der Kommunismus existiert und herausgekommen ist die Pleite, die wir erlebt haben. Schauen wir doch auf den Schund nicht nur bei uns, sondern auch in der Sowjetunion. Ich kenne die Sowjetunion mit all ihren Unzulänglichkeiten aus eigener Erfahrung und Anschauung gut. Da frage ich mich: Warum soll ich mich damit noch weiter beschäftigen? Aus dem Scheitern muss man doch Konsequenzen ziehen, dem muss man sich stellen. Ich habe mich gestellt.
Das Gespräch führten Matthias Schlegel und Christian Tretbar.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 09.11.2009)
Kommentare [ 37 ] Kommentar hinzufügen »
Das Wasser ist nicht in der Lage, seinen Lauf zu zügeln, und deshalb sind Dämme immer ein falscher Versuch.
Sie führen mit Ihrem Kommentar "sehr schön" Ihr queres Aufgreifen von Bildern vor (illustrieren gleichzeitig aber schondass Sie immerhin ahnen, worum es eigentlich geht.)
Das "Bild" erlaubt nun gerade nicht auf Mauern abzuheben. Da müssen Sie schon noch einmal d'ran. War ein netter Versuch. Leider daneben.
und als Opfer darstellen ! Die Linken sind Wendehälse
par excelence ! Ich habe Achtung vor Schab. !
Kann ja sein, wie heiko61 schreibt, dass Schabrowski zu DDR Zeiten als Dogmatiker gesehen wurde. All die beharrlichen Greise des Zentralkommitees wurden kaum anders gesehen.
Doch Schabrowski war im richtigen Moment lernfähig, alle seine damaligen Mitgenossen bis heute nicht. Deshalb wird er vielfach aber leichtfertig als Wendehals verleumdet. Richtig er hat sich gewendet, was soll an ehrlich, überzeugter Wandlung falsch sein? Nichts!
Die, die solches behaupten, wären ohne Leute wie Schabrowski noch heute in geistiger Schockstarre gefangen.
Keiner ist verpflichtet Herrn Schabrowski zu lieben, dankbar darf man über seine Wandlung schon sein.
Also ich komme aus einem linken West Berliner Kollektivbetrieb (Druckerei). Intern, gab es da keine Zinsen aufs Kapital der Gesellschafter (eine OHG) und Egoismen kannten wir auch. Gehen und rechnen (!) tut also schon Etwas, zum Beispiel "kollektiver Kapitalismus", was uns die SED damals immer naserümpfend vorgeworfen hat. Nur wird der Einzelne da nicht zum Objekt einer Idee und so etwas macht man auch freiwillig. Mir hat es viel Spaß gemacht (keine Entfremdung) es war total frei und wir haben viel Geld verdient. Kapitalismus ist eine anarchistische Produktionsform! (K. Marx) Schabowski hat daher natürlich Recht :
Wie in der "DDR" konnte das nicht gut gehen, es musste gegen die Wand fahren und so weiter. Aber ich glaube auch, das man viel machen und ausprobieren kann. Natürlich sind Menschen egoistisch ! Aber nicht vollständig assozial. Und was Kapital angeht sage ich : Nicht das Messer ist der Mörder - ob man Zinsen nimmt oder nicht, ist egal. Wichtig ist nur die Speicherfunktion für geleistete Arbeit und das Tauschmittel.
Insofern brauch Schabowski auch nicht traurig zu sein. Kapitalismus in einer Ausprägung als soziale Marktwirtschaft und nicht als Raubtierkapitalismus, kann total toll für ALLE (!)Menschen sein. Und wer "links sein" mit dem materiellen Klassenstandpunkt definiert wird feststellen : Die SPD, die CDU, die Grünen und sogar die FDP, waren "linker" als es die SED jemals war.
Wie das enden würde, konnte man schon in Kronstadt sehen und auch Kropotkin hat es vorhergesagt. Deshalb : Lang lebe die Freiheit und die Anarchie und die Matrosen der Sewastopol und Petropawlowsk und ... G. Schabowski!
Niemand kann besser sagen, was schief gelaufen war. Insbesondere dieser rotzfreche Ansatz von Lenin : "Tutzi, tutzi lieber Proll Du bist ja so blöd. Aber ich bin es die Lichtgestalt, nur durch mich wirst Du glücklich. Und wenn Du nicht brav bist, fahre ich halt mit dem Panzer über den Proll."
Dann natürlich, der ökonomische Niedergang und die Einschränkung der Freiheit. Bis die Leute die Faxen endgültig dick haben und sagen : "Übrigens, liebe Partei. WIR SIND DAS VOLK" und dem ZK zeigen, wie man eine Revolution macht.
Ich glaube nicht, dass das jemand besser formulieren kann als ausgerechnet er. Als Gastredner würden ihn die Menschen bejubeln. Schon wegen seinem Sprachgebrauch. Und bereut und verstanden hat er auch. Und dann legt er los : Wie ihr alle wisst, habe ich vor 20 Jahren mal was gesagt....
Uneingeschränkte Hochachtung, Sie sind ein Weltbürger!!!
Zum heutigen 20.Jahrestag Ihres Heldenstückes meinen herzlichsten Glückwunsch, verbunden mit den besten Wüschen für Ihre Gesundheit und Ihr Wohlergehen.
Vielmehr rechne ich ihm seinen Auftritt am 4. November an. Er war nicht so ein Feigling wie die anderen Politbürokraten, die nicht mehr gesehen wurden, und hat sich an diesem Tag mehr oder minder die SED-Jacke allein angezogen und wurde gnadenlos dafür ausgepfiffen. Hat der RBB gerade wieder gezeigt.
Ansonsten: Er war natürlich Chefredakteur des "Neuen Deutschland". Nicht gerade ein Oppositionsblatt in der DDR. Er war SED-Chef in Ost-Berlin. Nicht gerade der Hort des Liberalismus, wie man so hört ...
Der Mensch ist aber beides: Altruist und Egoist in einer Person - eben das macht Planbarkeit von Wirtschaft, ob im Sozialismus oder im kapitalistischen Finanzsystem so kompliziert, wenn nicht unmöglich. Deshalb sind Ideologien, die das eine oder das andere übermässig betonen - Sozialismus und Liberalismus - beide gleich falsch.
Sein Herumgehacke auf der Linkspartei - mittlerweile eine reine Interessenpartei genauso wie jede andere auch - erinnert stark an ehemalige Raucher, die jetzt mit missionarischem Eifer alle anderen davon abbringen wollen.
P.S: Die Linkspartei ist keine Partei wie jede andere.
aber mit CDU und FDP hat sie die Altkader und die DDR-Millionen gemeinsam und das müsste doch eigentlich versöhnen und vereinen...
Was Schabowski über Krenz sagt ist für mich besonders spannend. Ich wurde, als Krenz senior im Knast gelandet war, von seinem Sohn darauf angesprochen, ob ich bereit sei, an einer Satzung für eine neue Partei mitzuarbeiten und diese auszuformulieren. Diese Partei sollte - wie auch anders - Fortschrittspartei heißen. Schließlich hat der gesellschaftliche Mangel an Fortschritt das dringende Bedürfnis, den Mangel zu kaschieren. Mit der Gründung dieser Partei wollte der Sohn den Vater retten, was den Sohn ehrt.
Schabowski: "Man kann sagen: Von der Oder bis nach Kamtschatka" ...erstreckte sich "der Ansatz für eine sozialistische Gesellschaft. Und sie ist von Kamtschatka bis an die Oder gescheitert. 80 Jahre hat der Kommunismus existiert und herausgekommen ist die Pleite, die wir erlebt haben. Schauen wir doch auf den Schund nicht nur bei uns, sondern auch in der Sowjetunion. Ich kenne die Sowjetunion mit all ihren Unzulänglichkeiten aus eigener Erfahrung und Anschauung gut. Da frage ich mich: Warum soll ich mich damit noch weiter beschäftigen? Aus dem Scheitern muss man doch Konsequenzen ziehen, dem muss man sich stellen. Ich habe mich gestellt."
Das ist eine vernünftige Einstellung. Ihre Vernunft bezieht sie daraus, dass vergangen ist, was vergangen ist und gescheitert, was scheiterte. Nur: das Thema und die Idee Sozialismus sind damit nicht erledigt.
Dazu tendiert DER?
Was sind SIE denn für einer?
Zumindest das ehrt ihn, dafür gebührt ihm mein Respekt.
Ansonsten, Schabowski war im Herbst 89 selbst Teil der Bonzen, auch wenn er es im Heute so nicht wahrhaben möchte.
„Mit diesem Aspekt befasse ich mich nicht. Die Bundesrepublik hat sich so entwickelt, ohne bestimmten Vorsatz.“
Das ist nur Ausdruck (s)einer äußersten Vorsicht, die er hier walten lässt, denn nur auf die Gefahr hin kritisiert zu werden unterdrückt er seine eigene Meinung, hier nun wieder. Er zensiert sich selbst und gibt uns den Ahnungslosen, wieder letztendlich Feigheit vor der eigenen Courage.
Sein letzter Satz ist der ehrlichste in dem er sagt: „Ich habe mich gestellt“. Nur hat er sich in meinen Augen nicht gestellt, hier verstellt er sich ein wenig, für uns, das zutreffendere Wort, statt gestellt, wäre >aufgegeben
Durch den ganzen Text schwingt das hegelsche 'Diese Welt ist die vernünftigste aller.' Und 1989 war das ohne Frage der westliche Teil dieses Landes.
Das ist doch einmal wieder ein herrlicher Witz. Angesichts dieser Welt ohnehin.
Sie sollten endlich beginnen, Hegel zu lesen.
Übrigens hieß es auch: "Die DDR ist die beste DDR, die es auf der Welt je gegeben hat."
Das meinten die Ossis allerdings - wie es anders nicht hegelianisch wäre - selbstironisch und ganz und gar nicht schwelgendschwingendheboldisch.
Ja, so ist das: "Und so weiter."
Mit andereen Worten:
Wie in der Gegenwart wird das nicht gut gegangen sein können. Es wird gegen die Wand fahren.
Der "Sozialismus" ist ja nichts anderes als eine säkulare Erlösungsidee. Diese Idee hatte von Karl Marx schon mindestens drei Denkfehler mitbekommen:
- Eine Diktatur ("des Proletariats"): kann niemanden befreien, natürlich auch keinen Arbeiter!
- Wenn das Privateigentum (an Produktionsmitteln, und später an allem anderen) abgeschafft wird, können den Arbeitern auch keine Produktionsmittel gehören. Und: dann nehme ich dir morgen alles weg, und übermorgen du mir - es gehört ja keinem mehr irgendwas. >>Rolle rückwärts in die Steinzeit!
- Wenn dann auch noch das Geld abgeschafft würde, müssten wir wieder zur Tauschwirtschaft zurückkehren - sehr komfortabel im Internet - Zeitalter...!
Herr Schabowski wollte früher in seiner Parteizelle in Ost - Berlin "Maulschellen" gegen aufmüpfige Genossen verteilen; jetzt sieht er ein, dass er auf dem falschen Dampfer seinen Dienst tat. Ein bemerkenswerter Wandel - Respekt! Nun hat jeder Mensch hat das Recht, sich zu irren und Einsicht zu zeigen; vielleicht frisst sich dieses Vorbild auch noch in einige Alt-SED - Köpfe hinein...
Das heißt ja nicht, dass wir schon in der besten aller Welten lebten. Aber erst die Einsicht in ihre Unzulänglichkeiten versetzt uns in die Lage, dieselbe schrittweise zu verbessern. Ohne Sozialismus - und ohne Kapitalismus. Aber mit sozialer Marktwirtschft und Demokratie vielleicht...
Es wär interessant, nun von Ihnen zu erfahren, welche Variante einer Idealvorstellung von Gesellschaft Sie gern hätten?
Hilfreich wäre es, eine für alle daran Beteiligten, machbare Vorzustellen.
Vielen Dank bereits vorab und viel Vergnügen bei der Ausarbeitung dessen.
Natürlich ist es beschämend, dass sich heute wieder nur Menschen feiern, die weder in der DDR Widerstand geleistet haben oder sogar ihr Leben riskiert haben.
Das man es allen nicht recht machen kann, ist auch mir klar. Jedoch einige hätte "man sich herauspicken" können und sprechen lassen.
Vielleicht hätte die Feier etwas kleiner ausfallen können? Nur ein privater Gedanke und eine private Frage an mich!
Da gab es nichts mehr zu arrangieren, da ging es nur noch darum zu einem friedlichen Ende zu kommen, ohne das ein Schuss fällt.
Eines hatte man immer vor Augen, wenn es um das Ende der DDR ging: dass es nicht so enden sollte, wie es in Rumänien, am 1. Weihnachtsfeiertag 1989, geschah. Gerade die Hardliner hatten die Angst in den Augen stehen; Honecker im Kirchenasyl und Mielke in Moabit.
Der 09.11. war auch ein äußerst günstiges Datum, denn zu diesem Zeitpunkt sollen entscheidende Generäle in Moskau geweilt haben.
So gesehen hat Schabowski in Zusammenarbeit mit anderen weitblickenden Leuten die friedliche Öffnung der Mauer möglich gemacht, möglicherweise sein hellster Moment in seinem Leben.
http://www.tagesspiegel.de/berlin/meinjahr89-Mauerfall-1989;art18664,2692489,7-pg1#pg
( 2. Seite )
Das wäre einfach zuviel der Tarnung.
Wäre es so gewesen, wie sie verschwörungstheoretisieren, er wäre sang- und klanglos in der Versenkung verschwunden ... wie andere ... die merkwürdig still entschwunden sind.
War es nicht vielmehr so, dass Schabowski versehentlich und vorzeitig das Signal gab, die Mauer zu öffnen? Nicht "aufgerafft" hatte er sich auf der Pressekonferenz, sondern er hatte nicht gleich "gerafft", was er auslöste. Das hätte auch schief gehen können, wäre es zum Waffeneinsatz durch überforderte und allein gelassene Grenzer gekommen.
Das neue Reisegesetz sollte am 10. November morgens in Kraft treten und hätte eben dann die Mauer überflüssig gemacht.
Gewiss nicht ganz unrecht hat Walesa, wenn er (offenbar mit Blick auf Bush sen., Gorbatschow und Kohl) bemerkt, dass heute als Maueröffner gefeierte Politiker lediglich als zufällig Getriebene re-agiert haben.
Geradezu albern wird es, wenn Reagans 1987er (?)Rede am Brandenburger Tor gleichsam zur Initialzündung für den Fall der Mauer hochgejubelt wird. Ein Seam-öffne-dich aus dem Märchenland.
Heute sind es (vor allem) Letztere, die gescheitert sind. Sie hatten zwanzig Jahre Zeit, aus dem gemeinsamen deutschen Haus mehr zu machen, als nur einen Kraemerladen. Den Ostdeutschen ist menschlich anzulasten, bei dieser Fehlentwicklung kleinlaut geschwiegen zu haben.
Etwa ab Mitte des kommenden Jahrzehnts werden ostdeutsche Staedte als riesige Freilichtmuseen zu begutachten sein - wegen Bevoelkerungsmangels meist unbewohnbar. Es wird die Stunde des 'Rueckbaus' kommen, wie das die Staedtebauer nennen: methodischer, kostenaufwendiger Abriss.
Gläubige Christen würde sogar soweit gehen und sagen, da waren himmlische Kräfte im Spiel. Auf jeden Fall könnte man tatsächlich abendländisch-christlich beipflichtend konstatieren: "Im Himmel ist mehr Freude über einen Mitschuldigen, der bereut als über 99 Gerechte." Insofern sei ihm sein weniger rühmliches Tun zuvor verziehen, - er hat es in einem Augenblick WIEDERGUTGEMACHT !
Verkörpert er doch die idealtypische Verzauberung des knallroten Saulus in einen pechschwarzen Paulus.
Über alle Verwandlung erhalten geblieben ist die Abwesenheit jedes Differenzierungsvermögens und ideologische Plumpheit.